Der alte Mann hat weißes Haar, kleine Augen, ein freundliches Gesicht. Er sitzt in einem hellen, leeren Zimmer und erzählt. Eifrig, vertrauensselig, fast dienstbeflissen. Norbert Schultze, Komponist, 82, ist ein guter Erzähler; jede Story hat eine Pointe. Die schnelle Karriere verdankt er den verfolgten jüdischen Kollegen, seinen ersten Opernerfolg einer "Lücke im Spielplan".

"Feuertaufe": Zum Luftangriff auf Warschau schreibt er einen Trauermarsch. Schultzes erster Filmmusikerfolg ist ein Lehrstück darüber, wie man mit authentischen Bildern und Gefühlen Lügen produziert. Die Macht der Musik: Jeden Abend um zehn vor zehn hören sogar die Briten zu schießen auf, wegen "Lili Marleen", seines berühmtesten Liedes. Die einzige direkte Kriegserinnerung: Bei der Tonmischung für "Kolberg" fällt ständig der Strom aus, weil draußen Bomben fallen. Entnazifizierung: Er wird als Mitläufer eingestuft, aber die Alliierten vergessen, für die 3000 Mark Strafe eine Kontonummer anzugeben. Nach dem Krieg komponiert er für Hans Albers, Helmut Käutner, Rolf Thiele, engagiert sich im Komponistenverband, bei der Gema "Der deutsche Film hat nie nach meiner Vergangenheit gefragt Er sei ein Gebrauchsmusiker, ein preußischer Untertanensohn. Ein Privilegierter, aber "doch kein Nazi". Hitler nennt er immer noch "den Führer".

Auf der Klavierbank sitzt er wie ein braver Schulbub. Spielt "Schwarzer Peter", "Lili Marleen", "Bomben auf Engeland". Leise singt er die Melodien dazu, so behutsam, als wären die Märsche keine zackige Militärmusik, sondern zarte Liebeslieder - und als wüßte er, daß in solcher Musik lautstark zu schwelgen sich heute nicht mehr schickt. Nur bei "Vorwärts nach Osten" drängt sich der Stolz einen Moment lang in den Vordergrund. Für die Auftragsvertonung zum Beginn des Rußlandfeldzugs hatte sich Goebbels persönlich neben ihn an den Flügel gesetzt und beim Komponieren geholfen. Jetzt spielt Schultze uns Goebbels vor, wie der neben Schultze saß.

An dieser Stelle stoppt der Film, nicht zum erstenmal. Das Band läuft rückwärts und wird in Zeitlupe wiederholt, damit man die Goebbels Gesten deutlicher sehen kann. Ein unsichtbarer Cutter und eine Off Stimme interpunktieren das gesamte Gespräch. Auf diese Weise legen die Filmemacher Margit Knapp und Arpad Bondy ihren Arbeitsprozeß offen, das Montieren, Kürzen, Cutten, Texten - die eigene Manipulation. Schultzes Satz über seine Erleichterung, daß "ich Arier war", ist ein zweitesmal auf dem Monitor am Schneidetisch zu sehen. Eine inszenierte Schrecksekunde, die jeden moralischen Kommentar erübrigt. Der Porträtierte hat auf den fertigen Film dennoch mit Empörung reagiert und beim SDR gegen die jetzige Ausstrahlung protestiert.

Die mitgefilmte kritische Selbstreflexion verhehlt nicht den Zwiespalt zwischen der Sympathie, die die Interviewer ihrem Kollegen (Bondy ist selbst Filmkomponist) entgegenbringen, und dem Unverständnis für einen schuldhaft Verstrickten, der bis heute seine Anstrengung des Verdrängen für einen Akt des Widerstands hält. Darin liegt die Stärke dieser Methode: Sie lenkt den Blick, ohne ihn zu verstellen. Den Zusammenhang aber zwischen der Arbeit des Filmkomponisten, die Anpassung erfordert, und den Wesenszügen eines Mitläufers kann der Zuschauer bloß ahnen. An der nachhaltigen Irritation angesichts eines so liebenswerten Schreibtischtäters wie Schultze ändert das jedoch nichts. Christiane Peitz