Yves-Nol Derenne hat ehrgeizige Pläne: Der Eurotunnel-Personalchef will aus seinem Unternehmen ein Modell für Europa machen. Mehr als zwei Jahre tüftelte Derenne deswegen an gemeinsamen "Arbeitsbedingungen" für die französische und die britische Filiale, die jeweils etwa 1300 Menschen beschäftigen werden. "Die Regeln sind zu achtzig Prozent gleich", freut er sich, "wir haben sogar den ersten Betriebsrat in Großbritannien gegründet."

Der löbliche Ansatz führte freilich zu einer Entwicklung, die Derenne nicht unbedingt gefallen dürfte. Denn er brachte auch die Gewerkschaften der beiden Länder zusammen, etwa die kommunistisch angehauchte Confederation générale du travail (CGT) und die etwas weniger klassenkämpferische Transport & General Workers’ Union (TGWU). Im Januar veröffentlichten sie eine gemeinsame Erklärung und forderten ein Treffen mit der Direktion.

Der Weg zu handfesten gemeinsamen Aktionen scheint vorerst noch weit – zu unterschiedlich sind die Gewerkschaftstraditionen. "Auf der anderen Seite des Kanals gibt es kaum Arbeitsrecht. Jeder einzelne muß dort seinen eigenen Arbeitsvertrag selbst aushandeln", wundert sich Manol Dias, Mitglied des CGT-Regionalkomitees Nord in Lille, "der Unternehmer kann da alles machen – außer er hat eine gut organisierte Gewerkschaft vor sich."

Im Sitz der TGWU in London ist das Erstaunen nicht geringer. "Die haben diesen dicken Wälzer, den Code de travail, in dem alles bis ins Detail geregelt ist", meint Regionalsekretär Ken J. Reid, "wir müssen hier selbst für unser gewerkschaftliches Grundrecht kämpfen: die Arbeiter vertreten zu dürfen." Kürzlich habe ein britisches Gericht sogar entschieden, daß bei Streiks alle Teilnehmer vorher namentlich bekanntgegeben werden müssen.

Andere Erfahrungen, andere Interessen: Dias ärgert sich über die letzten Personalvertreterwahlen. Eurotunnel habe die großen Gewerkschaften wie die CGT nicht gefragt, ob sie Kandidaten aufstellen wollten. Darauf hätten sie aber ein Anrecht: Laut Gesetz gelten sie automatisch als "repräsentativ" – selbst wenn sie in dem jeweiligen Unternehmen kaum Mitglieder haben. "Beim nächstenmal passiert das nicht mehr, hat mir Derenne versprochen", sagt Dias.

Reid redet dagegen mehr von Mitgliederwerbung. "Ein hoher Organisationsgrad ist alles für uns. Deswegen werden wir in aller Offenheit unter den Beschäftigten von Eurotunnel nach Mitgliedern suchen." Ein "bißchen neidisch" ist der Brite allerdings schon auf seine französischen Kollegen: "Die kontrollieren schon alles, wenn sie nur zehn Prozent der Belegschaft organisieren. Wir brauchen dazu achtzig bis neunzig Prozent. Und selbst das reicht nicht immer."

Die Haltung der beiden gegenüber Derennes landesübergreifenden "Arbeitsbedingungen" ist allerdings die gleiche: gesundes Mißtrauen. "Das ist ja alles schön und gut. Aber man muß sehen, was der Alltag bringt", meint Dias. – "Ich fälle meine Entscheidung, wenn ich Derenne treffe", sagt Reid. Ihre Zusammenarbeit wollen sie erst mal vertiefen: Demnächst fahren zwei CGT-Funktionäre für ein Kurzpraktikum bei der TGWU nach London. Das schadet sicher nicht. ls