Von Joachim Stark

An regenverhangenen Tagen, wie sie im April in Dubrovnik durchaus noch vorkommen, gehen Himmel und Meer irgendwo hinter der Insel Lokrum direkt ineinander über. Von der Frana-Supila-Straße aus betrachtet, scheint sich die Silhouette der Stadt vom Festland lösen und in maßloser Trauer über den an ihr begangenen Frevel entschwinden zu wollen.

"Das Inferno" – so der Titel der ersten Kurzgeschichte im Buch von Djordje Obradovic über "Die Zerstörung Dubrovniks" – begann für die Stadt völlig unerwartet am 1. Oktober 1991, und es erreichte seinen Höhepunkt am 6. Dezember, dem Nikolaustag, als 600 Granaten in der Altstadt einschlugen und zahlreiche Renaissance- und Barockbauten beschädigten. Allein an diesem Tag kamen neunzehn Menschen ums Leben, und mehr als sechzig wurden schwer verletzt. Der Tag hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingegraben und ist vergleichbar nur mit dem Erdbeben im Jahre 1667, dem mehr als die Hälfte der Altstadt zum Opfer fiel.

Das Inferno hat bei vielen Dubrovčani eine existentielle Verunsicherung hinterlassen, die sich beispielsweise in den Arbeiten der Künstler äußert. Der 43jährige Maler und Bühnenbildner Mišo Baričević beispielsweise eröffnete am Ostersamstag hinter den mit Brettern verkleideten Arkaden des Palais Sponza eine Ausstellung von Kreidezeichnungen, die das Inferno in religiösen Motiven zu verarbeiten suchen. "Schließlich konnte nur noch Gott uns helfen", meint Mišo zu seinem Rückgriff auf religiöse Symboliken.

Können die Bürger Dubrovniks den Urhebern des Infernos verzeihen? Die Angestellte in einem Laden am Stradun ist montenegrinischer Abstammung, aber ein friedliches Zusammenleben mit Serben und Montenegrinern hält sie künftig für ausgeschlossen. Sie hat in Montenegro noch Verwandte, aber wiedersehen möchte sie sie nicht.

Sie tritt hinaus auf den Stradun und zeigt auf den Hügel Zarkovica, wo damals die Scharfschützen saßen. "Es ist unvorstellbar, was Serben und Montenegriner uns angetan haben. Wissen Sie, was es heißt, Kinder versorgen zu müssen und monatelang keinen Strom und kein Wasser zu haben?" Dubrava Knežević, eine Mitarbeiterin des Dubrovnik-Sommer-Festivals, bekennt: "Als Christin werde ich wohl vergeben, aber niemals vergessen können."

Im Rathaus beschwört Franko Burmas, Vizepräsident des Regierungsbezirks Dubrovnik-Neretva, die traditionell engen Bindungen Kroatiens und Dubrovniks mit Deutschland, bevor er auf die aktuelle Situation zu sprechen kommt. Die finanziellen Einbußen wegen der ausbleibenden Touristen und Probleme mit der Infrastruktur sind die schwerwiegendsten Probleme. Die Schäden belaufen sich auf etwa zweieinhalb Milliarden Dollar.