In der kleinen Hütte am anderen Ende des Gartens ist das Licht schon in aller Herrgottsfrüh angegangen. Nolizwe reibt sich den Schlaf aus den Augen. Wasser plätschert, eine Schranktür knarrt. Heute wird das beste Kleid angezogen, das violette mit den weißen Punkten drauf. Heute ist nämlich ein ganz großer Tag. Im Radio berichten sie schon von den ersten Warteschlangen, die sich vor den Wahllokalen stauen. Die rote Baskenmütze aufgesetzt, schnell noch einen Blick in den Spiegel geworfen - alles sitzt. Nolizwe huscht leise aus der dunklen Gesindekammer, die ihr der Landlord zugewiesen hat: Zwölf Quadratmeter Südafrika für die Maid. Die beiden Töchter Nancy und Thobela und das Enkelkind Happiness, mit denen sie sich den Verschlag teilen muß, schlafen noch. Als Nolizwe vor der Tür steht, fallen gerade die ersten kalten Sonnenstrahlen durch die Bananenstauden hinter dem Swimmingpool der weißen Herrschaften. Raus aus dem Hinterhof, die zwölfte Straat hoch, um die Ecke in die sechste Avenue, vor bis zur siebten Straat. Am Ende der Sackgasse warten sie schon, achtzig, vielleicht neunzig Leute. Nolizwe ist nicht die erste vor dem Wahllokal im Paterson Park. Ein bißchen verlegen stellt sie sich hinten an. Ihr Blick sucht nach Bekannten. Dort, eine Freundin "Unjani na namhlanje, wie gehts heute?" Strahlend reiht sich die Freundin neben Nolizwe ein "Wunderbar, einfach wunderbar!" schwärmt sie "Ist es wirklich wahr?" Da stehen die beiden im kühlen Herbstmorgen und frösteln und staunen. So nahe sind sie der Tennisanlage, auf der die Bosse oft spielen, noch nie gekommen. Und noch nie haben sie in einer derart sonderbaren Warteschlange gestanden. Vor ihnen eine weiße Madam, hinter ihnen ein weißer Polizist, der - unglaublich - erst nach ihnen wählen darf! Nolizwe wundert sich auch über die Kleidung der Damen und Herren: Trainingsanzüge tragen die Weißen, labbrige T Shirts und Pantoletten. Wie wenig feierlich! Ganz anders die Hausmädchen, diesich alle in Schale geworfen haben. Die Gärtner und Dienstboten, die Krawatten tragen, auch wenn diese noch so abgewetzt sind! Sie alle dürfen wählen. Und jeder hat nur eine Stimme: Oder ist es nur ein Traum? Nolizwe und ihre Freundin schauen sich fragend an. Schlafen wir noch? Erwachen wir doch wieder im alten Südafrika, wo wir ungefähr so viele Rechte haben wie die Ziegen?

Nein, es ist wahr. Dieses grüne Büchlein beweist es. Nolizwe hält ihren nagelneuen Ausweis ganz fest umklammert. 52 Jahre mußte sie auf dieses Dokument warten, vor vier Wochen hat sie es endlich bekommen. Die Warteschlange kriecht ein paar Schritte weiter, die Wahlurne rückt näher. Gleich darf Nolizwe ihr grünes Büchlein zum ersten Mal vorzeigen.

"Schießen Sie heute nicht?" Der Polizist dreht sich um. Hinter ihm steht ein alter, verwahrloster Schwarzer, der eine ausgefranste Decke umgehängt hat "Nein, heute nicht", sagt der Uniformierte. Normalerweise würde er diesen armen Teufel keines Blickes würdigen. Oder ihn gleich verhaften, weil er vermutlich schon wieder im Park herumgelegen und öffentlich Alkohol getrunken hat. Aber heute ist eben ein ganz besonderer Tag. Und irgendwie ist dieses bunt gemischte Anstehen von Schwarzen und Weißen und Braunen eine Art Gruppentherapie, bei der sie gemeinsam für die Zukunft üben. Am Anfang wirkten alle miteinander ziemlich gehemmt, jetzt liegt so etwas wie Fröhlichkeit in der Luft. betritt den Wahlraum. Das ist also die Aula, in der die weißen Mädchen immer Ballett üben. Sie hat kaum Zeit, sich umzuschauen. Schon weist sie ein freundlicher Mann zu einem UV Gerät. Nolizwe muß die rechte Hand hineinlegen. Dann sprüht eine Frau unsichtbare Tinte auf ihren Handrücken, damit sie nicht irgendwo anders noch einmal wählen kann. Die Tinte riecht nach Orangensirup. Ein Wahlhelfer reicht ihr den Stimmzettel. Nolizwe verschwindet in einer Wahlkabine. Nur noch ihr violetter Rock mit den weißen Punkten schaut unter der Sperrholzwand hervor. Es dauert keine zwanzig Sekunden, da tritt sie vor die Blechurrie und wirft ihren Stimmzettel ein. Anschließend das Ganze noch mal fürs Regionalparlament. Ernst und gelassen wirkt Nolizwe dabei, als ob sie schon immer zum Wählen gegangen wäre.

Erst draußen vor dem Wahllokal zeigt sie ein Lächeln. Und was für ein Lächeln! "Ich bin glücklich", sagt sie und reckt den rechten Daumen "Es war gar nicht schwer Und eigentlich ging es viel zu schnell, nachdem sie ihr Leben lang darauf gewartet hat "Zwei dicke Kreuze habe ich gemacht. Alle zwei bei Nelson Mande1a!" Der große Madiba ist gewählt, ab sofort fängt die neue Zeit an.

Unter dem schattigen Jacaranda Baum tanzt eine alte Frau "Ich bin so aufgeregt. Ich hätte am liebsten den Stimmzettel geküßt Sie umarmt zwei Polizisten und lacht und weint. Nolizwe schaut ihr ein Weilchen zu. Dann spaziert sie langsam heimwärts. Die Töchter und das Enkelkind schlafen noch immer. Sie öffnet die Tür zur Gesindekammer: Zwölf Quadratmeter Südafrika. Noch ist alles beim alten.