Funk, Waffen, Munition?" – Kopfschütteln, Fenster hoch. Ohr frei, Kinder dabei? Die versunkene Welt der Grenzkontrollen: Der Berliner Kontrollpunkt Drewitz, jetzt Graffiti-Stützpunkt und Rennstrecke für kreischende Modellautos, liegt flach. Auf der anderen Seite, in Marienborn/Helmstedt, entsteht die Gedenkstätte "Deutsche Teilung". Weit weg, lang her: Geschichten aus dem geteilten Europa. Es ist wohl Zeit, daß sie erzählt werden.

"Videorecorder, Computer, politische Bücher?" Eva van Dam schüttelt den Kopf, und ihr Sohn Peter spürt diesen Druck in der Magengegend. Einreise in die Volksrepublik Ungarn, Kontrolle: schnell, freundlich, oberflächlich. Peters Vater ist Niederländer, seine Mutter gebürtige Ungarin. Jedes Jahr besuchen sie die Großeltern in Ungarn, dieses Mal ohne den Vater. Jedes Jahr ist das eine Rückkehr in eine andere Welt: "Es kommt so vieles wieder hoch", sagt Eva zu ihrem Sohn, "von früher."

Von Beginn an nimmt der Roman den Leser mit auf die Reise, in einem ruhigen, ja langsamen Tonfall, der viel Raum läßt für Stimmungen, Landschaftsbilder und Begegnungen, ein Tonfall der Beobachtungen und Entdeckungen. Und schon früh fällt eine folgenreiche Entscheidung: Eva van Dam will ihren mißgelaunten Sohn wie einen Erwachsenen behandeln und mit ihm Weiterreisen, nach Rumänien: "Laß uns wegfahren. Das Abenteuer suchen."

Noch in Ungarn lernen sie Imre kennen, einen rumänischen Ungarn, der aus dem Reich Ceauşescus floh. Der Blick durchs Fernglas über die Grenze: Da steht sein Geburtshaus – und er kann nicht hinüber. Eva und Peter versprechen, die Familie seines Schwagers zu besuchen, Geschenke mitzunehmen, Imre ein Photo seines Neffen Tibor mitzubringen. Die Einreise ins Securitate-Land wird zur quälenden Prozedur, gegen die lächelndfiese Willkür der aufgeblasenen Grenzer helfen nur die West-tsigari. Die Szenen der Bedrückung häufen sich. Das fahle Gesicht der Diktatur starrt aus alltäglichen Dingen: die graue Wurst beim Fleischer und dreißig dicke Bände Ceauşescu beim Buchhändler. Ohne falsche Dramatik zeichnet der Roman ein historisches Landesbild.

Neffe Tibor und Peter van Dam werden schnell Freunde. Tibor ist zwölf Jahre alt, ein Eigenbrötler, frühgereift, zart und "witzig", wie er selbst es nennt. Einen Gedichte-Preis hat er gewonnen, wider Willen. Seine parodistische Hymne auf den großen Diktator Nicolae hatte die Juroren scheinbar ernsthaft beeindruckt: "O goldne Eiche der Karpaten... Oh Sonnenkönig der Rumänen all..." Aber Tibor erklärt Peter, was eigentlich hinter der Auszeichnung steckte. Sie wollten den regimefeindlichen Vater treffen, und es gelang ihnen: "Ihr Witz war der beste. Mein Vater schlug mich grün und blau. Ich wehrte mich nicht."

Die Episoden verknüpfen sich, die Spannung steigt. Fast unter der Hand wird aus dem Besuch der van Dams eine konspirative Tour; auf Schritt und Tritt werden sie überwacht. Trotzdem betreibt Peter auf eigene Faust ein gefährliches Unternehmen: Tibors Flucht in die Niederlande. Und da stehen sie dann wieder an der Grenze, Peter ist der Hals wie zugeschnürt. Aber Tibor, durch einen Berg von Tüten getarnt, macht einen Scherz: unvergeßlich, wie er selbst: "... mußt du auch gleichzeitig lachen und weinen?"

Reinhard Osteroth