Die Erfolge bleiben einstweilen bescheiden, das Entsetzen ist gleichwohl bereits gewaltig groß. Kaum ist der amerikanische Reproduktionsmediziner Jerry Hall mit seinen geklonten menschlichen Embryonen wieder aus den Schlagzeilen, da sorgen zwei Veterinärmediziner von der Universität Philadelphia für neue Aufregung. Ralph Brinster und Jim Zimmermann beantragten beim Europäischen Patentamt in München das erste Patent für eine Keimbahntherapie bei Tieren. Bei ihrer Technik werden die Hoden von den Spermatogonien, den Ursamenzellen und Spermienproduzenten, entkernt. Danach kann entweder eine Reparatur der genetisch geschädigten Ursamenzellen versucht oder es können in die leeren Hoden fremde Spermatogonien eingesetzt werden. In einem Nebensatz enthüllten die Wissenschaftler das Ungeheure ihres Plans: Ihr Verfahren tauge auch dann, "wenn das besagte Tier ein Mensch ist".

Nun ist jede "künstliche Veränderung menschlicher Keimbahnzellen" in Deutschland verboten. Den Verstoß bestraft das Embryonenschutzgesetz mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Damit könnte sich der entsetzte Laie beruhigt zurücklehnen, zumal ihm schon die ersten empörten Spezialisten zu Hilfe kommen. Wie schon Jerry Hall stehen auch Brinster und Zimmermann eher als Skandalfiguren der scientific Community da. Die meisten Forscher warteten in der Vergangenheit im übrigen nicht auf den Gesetzgeber, um sich eigene Grenzen zu setzen. So forderten schon 1989, also ein Jahr vor dem Embryonenschutzgesetz, über 3000 Wissenschaftler und Ärzte hierzulande ein Verbot für Experimente an der menschlichen Keimbahn. Ethik ist eben nicht allein Sache der Ethiker...

Die innere Unruhe will sich dennoch mit dem Hinweis auf Gesetz und gute Absicht nicht legen. Einmal angenommen, das Münchner Amt verweigert unter Hinweis auf Sitte und Anstand dem Philadelphia-Experiment die Patentierung: Wer hindert die beiden Forscher daran, schon morgen andernorts ihr Glück zu versuchen – und wer hindert übermorgen einen Münchner oder Mainzer, sich dort applizieren zu lassen, was ihm hier gesetzlich untersagt bleibt? Die ersten Beispiele eines "Reproduktionstourismus" von Arzt und Patient sind von den verschiedenen Verfahren der Embryonenübertragung bereits bekannt. Warum soll dem Mann verwehrt sein, was die Frau im Prinzip bereits kann? Brinster und Zimmermann wollen schließlich in bekannter Unschuld nur helfen und ein Risiko verringern, wollen die genetischen Defekte der Ursamenzellen beheben. Und wer an solchem Defekt leidet und gleichwohl vom Wunsch nach Vaterschaft nicht lassen mag, der könnte dem Versprechen einer Keimbahntherapie erliegen und sich auf eine weite Reise machen.

Wie leicht fällt es, dem "bösen" Genforscher den Griff nach der verbotenen Frucht vorzuwerfen; und wieviel schwerer, solche Kritik auch auf jene auszudehnen, die ihre Sehnsucht nach eigener Vater- oder Mutterschaft über moralische Grenzen hinaustreibt. Wer diese Art der Therapie zuläßt, nimmt auch den nächsten Schritt zur gezielten Steuerung von Erbanlagen, zur Eugenik in Kauf. Es geht darum nicht nur um die Gesundung eines Menschen, es geht um die Genese der folgenden Generationen. Wir wissen (noch) nicht, wie ein Eingriff in die Keimbahn auf die zweite, zehnte, zwölfte Kindergeneration wirkt. Es geht nicht einfach um einen Kranken, sondern auch um dessen mögliche Kinder und Kindeskinder, die unter Fehlern oder Irrtümern bei diesem Experiment leiden werden. Manipuliert wird die Zukunft wie die Gegenwart. Und darauf darf es kein Patent geben. Joachim Fritz-Vannahme