Von Wolfgang Wolf

Die schmalen Inseln sind der Küste von Südtexas vorgelagert. Sie bilden eine natürliche Barriere entlang der Küste, die von Port Isabel an der mexikanischen Grenze bis nach Galveston reicht. In dieser Region tropischer Wirbelstürme absorbieren sie mit ihren hohen Sanddünen die erste Wucht eines Hurrikans und schützen das Festland vor den heranrollenden Wellen des Golfs von Mexiko. Die südlichste von ihnen, Padre Island, gilt als die längste Nehrung der Welt.

Während auf der offenen Seite das Meer rauscht, findet man auf dem nahen Festland einen Lebensraum, der geprägt ist von Marschen und einer von Abflußrinnen durchfurchten Sumpflandschaft mit Süßwassertümpeln.

In diesem Biotop überwintert einer der seltensten Vögel der Welt: der Schreikranich, der – nicht nur in Texas – zum Symbol für bedrohte Tiere geworden ist. Seit 1916, als die imposanten Vögel unter Naturschutz gestellt wurden, dauert nunmehr der Kampf engagierter Ornithologen um das Überleben dieser Art, und noch immer ist der Erfolg ungewiß.

Wer von Corpus Christi über Rockport kommt, durchquert auf schnurgeraden Straßen eine ringsum ebene Landschaft. Endlose Maisfelder, auf denen im Winter Zwergschneegänse aus der kanadischen Tundra nach Nahrung suchen, wechseln mit naturbelassenen Feuchtgebieten. Dazwischen die Silhouetten der Ölpumpen. Die Küste zur Laguna Madre wird von Dünen mit immergrünen Eichen, den live oaks, gesäumt. Manche sind vom Wind so stark landeinwärts gebogen, daß sie wie aerodynamische Plastiken erscheinen. Von ihren Zweigen hängt in Büscheln das spanish moss, das ihnen an Nebeltagen ein gespenstisches Aussehen verleiht.

Zur Erhaltung dieser südtexanischen Küstenlandschaft und zum Schutz der nur hier überwinternden Schreikraniche kaufte die amerikanische Regierung 1937 die breite Blackjack-Halbinsel für eine halbe Million Dollar von einer Bankiersfamilie aus San Antonio. Auf einer Fläche von zweihundert Quadratkilometern wurde direkt im Anschluß an Weiden und Felder das "Aransas National Wildlife Refuge" eingerichtet und unter die Verwaltung des U.S. Fish and Wildlife Service gestellt.

Räumlich bedrängt von den Farmern, in direkter Sichtweite zu den Bohrtürmen der Energieindustrie und angrenzend an die stark frequentierte Wasserstraße des Intracoastal Waterway mußten Tiere und Menschen lernen, die Gegensätze eines naturbelassenen Biotops mit einer ökonomisch genutzten Landschaft zu verbinden.