Auch Städte können ganz schön dickköpfig sein. In Gent allerdings ist der Besucher doppelt irritiert, während er durch die Straßen läuft und seinen Hals gar nicht genug verrenken kann, um all die steinernen Kostbarkeiten wahrzunehmen. Denn hier gibt es keine Enttäuschung zwischen Erwartung und Realität. Der Rathauskomplex und die mächtige Tuchhalle, der Dreiklang von Kathedrale, bürgerlichem Beifried und St. Nikiaaskirche gleich daneben, die lange Reihe der Zunfthäuser mit den reich verzierten Fassaden am Kanal, das schaurigschöne Grafenschloß und die sanierten Häuschen im alten Viertel Patershol: das alles ist eindrucksvolles Mittelalter, genau so, wie es die Bilder in den Prospekten versprechen.

Und doch - der Besucher, der in Gent seine Kreise zieht, kommt sieh bald vor wie der Fischer im Märchen, der dem verdutzten Butt sagen muß: "Myne Fru de Ilsebill Will nich so, äs ik woll will Nein, Gent will nicht. Es will keine amputierte Stadt sein, von der immer die gleichen Geschichten erzählt werden. Und der stumme Protest ist berechtigt. Denn Gent ist viel mehr als eine mittelalterliche Schatztruhe.

Die Hauptstadt Flanderns, in der heute 230 000 Menschen leben, wo Leie, Scheide und glitzernde Kanäle die städtische Strenge auflockern, bietet einen ungewöhnlich vielseitigen Querschnitt ;durch JEiuropas Geschichte - von der späten Gotik bis, in kühle Bauhaus Zeiten. Burgunder, Spanier, :Hab$biirger und Franzosen haben ihre Spuren hinterlassen ;Wer bereit ist, der Stadt ihren Willen zulassen, erlebt verblüffend schnell, wie anregend 1 di Irritationen dep: Vielen Kontrapunkte von Gent sind., ;" : "; - Natürlich gehört aJch das Mittelalter dazu, als Flänidern neben der Toskana - Europas geschäf ig0s: "ufbanes Zentrum bildete. Auf dejn weiten Vrijdagmafkt, den ein Häusefgemisch aus Gotik, Barock, Klassik und Jugendstil einrahmt, ist Raum genug, sich das turbulente Genter Mittelalter vorzustellen. Vor allem durch das 14. Jahrhundert zieht eine Spur blutiger Bürgerkriege. Die Tuchindustrie hatte die Stadt reich und mächtig gemacht. Die Weber und Walker riefen das Volk auf dem Vrijdagmarkt zu den Waffen, um gegen Patrizier und Franzosen die Unabhängigkeit der Stadt zu verteidigen. Doch kaum hätten die Handwerker gesiegt, bekämpften sie sich in den engen Gassen untereinander, zu verschieden waren die Interessen der wohlhabenden Weber und armen Walker. Heute erscheinen die Genter am Sonntagmorgen mit Käfigen unter dem Arm auf dem Vrijdagmarkt. Es sind vor allem Männer, die fachsimpelnd knallgelbe Kanarienvögel begutachten oder japanische Zwergwachteln, deren winzige Körper an die gerupften Vögel erinnern, mit denen die Schaufenster der Delikatessenläden - neben prallen Würsten und würzigen Pasteten - gefüllt sind. Wer handfeste Haustiere sucht, findet ostwärts auf dem Oude Beestenntarkt ein Angebot an jungen Hunden, Katzen, Hühnern und Enten, das dem Tierfreund Unbehagen bereitet. Weit ragen die Ohren der Karnickel aus den engen Kästen. Am Rinnstein ist ein Pfau abgestellt, dessen Körper millimetergenau in den Käfig paßt. Die majestätische Schleppe hängt traurig außerhalb des Gitters.

Lieber zurück und westwärts quer durch die Stadt zum nächsten Sonntagsmarkt vor der Michaelskirche. Schon auf der Brücke über die Leie weht der Wind würzigen Duft in die Nase. Auf dem Kirchplatz drehen sich an fünfzehn Spießen jeweils siebzehn Hähnchen in unterschiedlichen Brauntönungen, während es saftig in die Pfanne darunter tropft. Die Käufer bekommen von dem köstlichen Naß etliche Löffel in die Tüte. Der Anblick verströmt deftige flandrische Genießerlust. Wie ein Genießer sieht er allerdings nicht aus, der Kaufmann und Genter Bürgermeister Jodocus Vijd, und auch seine Ehefrau Elisabeth Boorluut hat einen scharfen Zug um den Mund. Zwei, die das Geld zusammenhielten — und doch klug genug waren, einen Batzen davon so anzulegen, daß sie Geschichte machten. Im Mai 1432 stellte der Maler Jan van Eyck in der Genter Kathedrale im Beisein des Auftraggebers Jodocus Vijd und seiner Frau einem erlauchten Publikum sein neues Altarbild "Die Anbetung des Lamm Gottes" vor. Heute erhebt sich diese monumentale Komposition aus ursprünglich zwanzig Einzelbildern, die den endgültigen Abschied von der mittelalterlichen Malerei markiert, hinter kugelsicherem Glas. Mögen sich die Besucher davor drängeln, die Fremdenführer kräftig flüstern, das Meisterwerk des Jan van Eyck - über den Anteil seines Bruders Hubert streiten die Kunstgeschichtler bis heute - ist dem alltäglichen Trubel unendlich fern und zugleich dem Leben unglaublich nah. Den luxuriösen Stoff des orgelspielenden Engels möchte man einmal streicheln, durch die Baumlandschaft im Bildhintergrund scheint gerade ein Windhauch zu gehen, und die unzähligen Blumen auf der Wiese sind frisch wie am frühen Morgen. Die Scharen der heiligen Männer und Frauen kommen gerade von einem Spaziergang durch Gent. Und dem frommen Stifterehepaar auf der Altarrückseite sind, wie gesagt, höchst irdische Gedanken offensichtlich nicht fremd.

Nach einem Höhepunkt wirkt alles schal. Koffer packen und abfahren? Die restlichen Tage bei dicken, warmen Waffeln mit schneeweißem Puderzucker oder Muscheln mit Fritten vorüberziehen lassen? Gent bietet eine dritte Alternative einen kräftigen Kontrapunkt.

Die St -Pietersnieuwstraat führt durchs Universitätsviertel, macht einen unerwarteten Buckel und landet hügelabwärts vor einem Bau, dessen säulengeschmückter Portikus den Besucher einstimmen soll auf das Museum für Schöne Künste. Um so größer ist der Schock, wenn man im Innern die Alten Meister links liegenläßt - sie bilden ohnehin nur eine kleine Truppe - und auf das Museum für Zeitgenössische Kunst zusteuert, das hier zu Hause ist und für Kenner und Liebhaber kein Geheimtip mehr.

Diesmal steht Videokunst auf dem Ausstellungsplan. Den Fernsehschirm in der Eingangshalle füllt ein dunkler Kopf, der jedesmal ruckartig hochschnellt, wenn ein dumpfes Geräusch ertönt. Bild und Ton erzeugen schmerzliche Dissonanzen, der Zuschauer möchte am liebsten wegschauen, flüchten. Zurück zu Jan van Eyck und seinem harmonischen Altar? Wer bleibt, bekommt Stoff zürn Nachdenken darüber, was ihm denn die Kunst bedeutet, abseits aller kunsthistorischen Werturteile. Ein zaghafter Dialog zwischen 20 und 15. Jahrhundert kann beginnen, wenn beim Nachdenken die alte Kunst sich nicht weniger frag würdig zeigt als die zeitgenössische. Denn im Mittelpunkt des Genter Altars steht ein Lamm, das Christjus symbolisiert, und aus seinen Rippen fließt ein Bhitstrahl in einen Kelch - göttlicher Trank für die Gläubigen. Auch nicht gerade eingängig.