mDieter Ludwig ist ein Ausbund von Energie und Unrast. Besucher, die per Zug anreisen, holt er oft persönlich am Bahnsteig ab, jedoch nicht aus lauter Höflichkeit, sondern um keine Zeit zu verlieren. Denn direkt im Karlsruher Hauptbahnhof kann er am besten zeigen, worauf es ihm ankommt.

Dieter Ludwig hastet die Treppen zur Unterführung hinab, stürmt dem Bahnhofsvorplatz zu, wo auf mehreren Fahrspuren der Innenstadtverkehr vorbeibraust. Auf einer Insel inmitten des Getöses liegen die Straßenbahnhaltestellen. Diesen hindernisreichen Weg, erläutert er, mußten Fahrgäste bislang zurücklegen, die in Karlsruhe ankamen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiter in die City wollten. Außerdem hatten die Kunden neue Fahrscheine zu lösen - unzumutbar. Doch das ist seit einiger Zeit vorbei. Dieter Ludwig hastet zurück in die Unterführung, auf einen anderen Bahnsteig. Auf dem Gleis steht, als hätte sie sich gründlich verfahren - eine Straßenbahn. Die Trambahn auf Bundesbahngleisen steht für das "Karlsruher Modell", dessen Erfinder Dieter Ludwig ist. Der öffentliche Nahverkehr ist nicht "M nur sein Beruf, sondern auch seine Leidenschaft.

Die Visitenkarte des 54jährigen liest sich wie ein "Whos who" des Verkehrsmanagements:

Ludwig ist Karlsruher Stadtdirektor, Leiter der IMHI städtischen Verkehrsbetriebe und Geschäftsführer der Albtal Verkehrsgesellschaft, einer ehemaligen Privatbahn, die sich Karlsruhe in den fünfziger Jahren einverleibte; außerdem steht er dem neugegründeten Karlsruher Verkehrsverbund vor, ist Vizepräsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen sowie Präsidiumsmitglied, Verwaltungsrats- und Aufsichtsratsvorsitzender zahlreicher weiterer Nahverkehrseinrichtungen. Der Multifunktionär gilt als Deutschlands innovativster Verkehrsplaner und manager.

Das Herzstück seines "Karlsruher Modells" führt er gern eigenhändig vor. Ludwig steuert dann den Führerstand der abfahrbereiten Straßenbahn im Hauptbahnhof an, komplimentiert den Fahrer hinaus und fährt selbst einige Stationen weit. Diese "Stadtbahn" genannte Straßenbahn wird von ihren Herstellern als eine Weltneuheit gerühmt: Sie verkehrt innerhalb der Stadt als normale Trambahn, wechselt dann auf einer neugebauten "Verknüpfungsanlage" auf das Eisenbahnnetz und fährt als eine Art S Bahn in die Region hinaus.

Ende 1992 wurde die erste Linie dieses Zwitters in Betrieb genommen, von Karlsruhe ins rund dreißig Kilometer entfernte Breiten. Die Bundesbahn stellte dafür ihren Nahverkehr auf diesem Abschnitt ein. Der Vorteil für die Kunden der kombinierten Straßen Eisenbahn liegt auf der Hand: Ohne umsteigen zu müssen, können sie nun aus dem Umland direkt in die Karlsruher Fußgängerzone fahren, und das auch noch schneller und billiger als bisher. Die Zahlen belegen die Attraktivität des neuen Angebots: Den Nahverkehrszug der Bahn benutzten täglich nur 2000 Menschen, die neue Stadtbahn jedoch 12 000 pro Tag, eine Steigerung um 500 Prozent.

Entgegen kam den Verkehrsbetrieben, daß die Karlsruher Straßenbahn dieselbe Spurbreite hat wie die Eisenbahn. Doch mehrere andere technische Hindernisse mußten überwunden werden. Während die Züge der Bahn mit 15000 Volt Wechselspannung betrieben werden, fährt die Tram mit 750 Volt Gleichstrom. Außerdem haben Straßenbahn und Eisenbahn unterschiedliche Zugsicherungssysteme und Funkanlagen. Und schließlich mußte die Höchstgeschwindigkeit der Straßenbahn gesteigert werden, damit sie fahrplangerecht auf der Bahnstrecke verkehren kann. Entwickelt wurden die neuen Zweisystem Wagen von der Düsseldorfer Duewag und der Mannheimer ABB Henschel Waggon Union zusammen mit der Betreiberin der Linie, der Albtal Verkehrsgesellschaft. Das Bundesforschungsministerium half mit 1 5 Millionen Mark. Von außen sehen die achtachsigen Gelenktriebwagen aus wie herkömmliche Straßenbahnen. Die entscheidende technische Neuerung wurde auf dem Dach und unter dem Fußboden des Mittelwagens versteckt: ein Transformator mit Gleichrichter. Wechselt die Stadtbahn von einem Fahrsystem ins andere, schaltet die eingebaute Elektronik automatisch auf die neue Spannung um - ohne Stottern, ohne Ruckein; die Fahrgäste merken nichts davon. Mittlerweile entwickeln sich die ZweisystemWagen zum Exportschlager. Nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus Frankreich, Großbritannien, Österreich und anderen Ländern waren schon Fachbesucher in Karlsruhe, um die Neuheit zu bestaunen, darunter der Verkehrsminister des US Staates Colorado. Auf Wunsch auswärtiger Verkehrsbetriebe begab sich die Stadtbahn auch schon auf große Fahrt, beispielsweise nach Bern, Lausanne und Genf. Dieter Ludwig, gelernter Diplomingenieur, ließ es sich nicht nehmen, die Bahn selbst durch die Schweizer Berge zu steuern.