Von Wolfgang Köhler

Für Hunderttausende von Japanern, die die traditionellen Feiertage Anfang Mai zu einem kurzen Trip ins Ausland nutzen wollten, konnte es gar nicht besser kommen. Am letzten Handelstag vor dieser "goldenen Woche" strebte der Yen am Devisenmarkt einem neuen Höchststand zu. Wer sein Geld in amerikanische Währung tauschte, erhielt einen Dollar schon für wenig mehr als einhundert Yen. Billiger war der greenback in Tokio ein einziges Mal zu haben, im August 1993.

Doch Freude darüber, daß der Kurzurlaub im Ausland in diesem Frühjahr etwas billiger als sonst ausfällt, dürfte bei den Japanern kaum aufkommen. Je höher der Yen steigt, um so mehr verliert die krisengeschüttelte Japan AG an Wettbewerbsfähigkeit, und um so rascher schwinden die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Rezession. Bei der Regierung von Ministerpräsident Tsutomu Hata läuteten denn auch alle Alarmglocken, als der Dollar sich Ende April zum dritten Mal in neun Monaten der 100-Yen-Schwelle näherte.

Dabei scheint der jüngste Aufstieg des Yen gegenüber der amerikanischen Währung gegen alle Regeln zu verstoßen. Denn die vom ersten Tag an von Koalitionsrangeleien gebeutelte Regierung Hata gilt als schwach, zu schwach, um die notwendigen Reformen durchsetzen zu können und das Land aus der Wirtschaftskrise herauszuführen. Demnach hätte eigentlich der Yen an Wert verlieren müssen. Denn unter Devisenhändlern gilt die Regel: starke Regierung, starke Währung – schwache Regierung, schwache Währung.

Doch diesmal ist alles anders, selbst das Verhalten der Akteure am Devisenmarkt. Die starken Schwankungen des Dollar, den etwa die Deutsche Bank seit nunmehr rund eineinhalb Jahren auf dem Wege zu einem Kurs von 1,80 Mark wähnt, haben die Spekulanten während der vergangenen Wochen und Monate viel Geld gekostet. Statt – wie erwartet – zu steigen, verlor der Dollar auch gegenüber der Mark innerhalb von nur zwei Wochen mehr als fünf Pfennig. "Es gibt kaum noch ein Haus, das den Dollarkursverfall unbeschadet überstanden hat", meint ein Londoner Banker. Auch viele spekulative Großanleger (hedge funds) lecken ihre Wunden. Um so geringer ist bei den Profis derzeit die Bereitschaft, im Gerangel zwischen Dollar und Yen eindeutig Position zu beziehen.

Devisenhändler der Investmentbank Morgan Stanley in London nennen noch einen anderen Grund für die Zurückhaltung der Profis: "Das Risiko ist einfach zu groß. Niemand wagt eine Prognose, wohin sich der Markt bewegen wird. Hier ist ein Kampf der Giganten im Gange, da wackelt die Erde."

Die Turbulenzen kommen nicht aus heiterem Himmel. Seit Beginn seiner Amtszeit verfolgt Präsident Bill Clinton das Ziel, das amerikanische Defizit im Handel mit Japan zu beseitigen. Monatelange Verhandlungen blieben jedoch genauso erfolglos wie ein Gipfeltreffen zwischen Clinton und dem inzwischen zurückgetretenen Premierminister Morihiro Hosokawa im März. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, redete Washington systematisch den Dollar herunter.