Mit dem Kanaltunnel, am Freitag dieser Woche offiziell eröffnet, nimmt Großbritannien einen tiefen technischen Eingriff in seine Insellage hin. Er ist einschneidender als alles, was seit jener geologischen Verschiebung geschah, die vor ungefähr 600 Millionen Jahren England vom europäischen Festland abtrennte. Der Eingriff erfolgte keineswegs über Nacht. Von den Verzögerungen und Verschiebungen der vergangenen zehn Jahre einmal abgesehen gab es ja eine viel längere Zeitspanne zwischen der Idee und ihrer Verwirklichung. Schließlich waren die Arbeiten zwischen Dover und Folkstone schon in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Angriff genommen worden ruhten dann über hundert Jahre.

Im 19. Jahrhundert waren die sicherheitspolitischen Konsequenzen einer festen Verbindung zwischen Großbritannien und dem Kontinent natürlich viel bedeutender als heute. Wenn ein Jagdflugzeug den Kanal in etwa zwei Minuten überqueren kann und Raketen aus allen Himmelsrichtungen niedergehen können, hat ein Tunnel seine strategische Bedeutung fast vollständig verloren. Doch obwohl man sich damals Sorgen über die Folgen für die Sicherheitslage machte, war das keineswegs der entscheidende Grund dafür, daß die Tunnelarbeiten nicht zum Abschluß kamen. Zu den Zeiten Königin Viktorias war Großbritannien in mancher Hinsicht europäischer als heute. Im Mittelpunkt der außenpolitischen Überlegungen William Gladstones, dem weitaus bedeutendsten britischen Staatsmann zwischen 1850 und 1900, stand die Idee europäischer Harmonie. Er unterstrich diese Idee mit seiner Lebensführung: Insgesamt unternahm er neun oder zehn größere Europareisen, zumeist durch Deutschland, Frankreich oder Italien. Und auch wenn er nicht sehr sprachbegabt war, verstand er es geradezu als Beweis seiner Männlichkeit, in der Lage zu sein, seinen bevorzugten Briefpartnern auf dem Kontinent in ihrer jeweiligen Muttersprache schreiben zu können - dem liberalen katholischen Theologen Ignaz von Döllinger auf deutsch, dem Gelehrten und royalistischen Politiker Francois Guizot auf französisch und Cavour und Mazzini, den rivalisierenden Architekten der italienischenEiriheit auf italienisch ÄrtÜijBrseits besuchte er kein ein ziges Mal die Vereinigten Staaten: oder eine andere englische Kolonie außer Korfu.

In seinen Reisegewohnheiten war er typisch für die meisten Briten seiner Zeit, die über Reichtum und Einfluß verfügten. Im gesamten 19. Jahrhundert und noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, vom Wiener Kongreß 1815 über den in Berlin 1878 bis zur Konferenz in Locarno 1925, gab es kein einziges wichtiges europäisches Treffen, an dem Großbritannien nicht als vollwertiger Partner teilgenommen hätte (Für Bismarcks Begriffe beherrschte Benjamin Disraeli den Berliner Kongreß: "Der alte Jude, das ist der Mann ") Im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung war auch der Premier Lord Salisbury keineswegs ein begeisterter Anhänger der splendid Isolation - weder als Begriff noch als politisches Ziel. Nur acht Jahre nachdem das Wort 1896 zum ersten Mal aufgekommen war, hatte sein Nachfolger mit Frankreich die Entente vereinbart, die im Guten wie im Bösen in den kommenden vierzig Jahren die diplomatische und militärische Orientierung Großbritanniens bestimmte.

Nicht auf seinem Höhepunkt als Industrie- und Weltmacht, sondern erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als es mit der politischen Macht und der wirtschaftlichen Stärke steil bergab ging, hatten die verschiedenen Regierungen in London die größte Mühe, mit ihrem Verhältnis zum europäischen Kontinent zurechtzukommen. Meiner Ansicht nach waren es zwei Hauptgründe, die mit der einzigen Ausnahme der kurzen dreieinhalb Amtsjahre Edward Heath sämtliche englischen Premiers von Attlee bis Major daran gehindert haben, die britische Position in Europa zu stärken.

Da sind einmal die Illusionen, die mit dem Sieg aufkamen. Das Jahr 1940 leistete der Überzeugung einigen Vorschub, Großbritannien sei dann am erfolgreichsten, wenn es Distanz zu Europa hielt. Bald aber mußten wir die schlimmen Folgen jener schwachen, wirkungslosen Rolle erkennen, die wir während der dreißiger Jahre in Europa gespielt hatten, und daß es uns, als wir vom Kontinent verdrängt waren, vier sehr harte Jahre kostete, bis wir wieder dort standen. Dennoch sollte man nicht die Augen vor den Wirkungen verschließen, die diese letzte Episode unabhängigen Glanzes in Großbritanniens Geschichte als Insel auf das nationale Bewußtsein ausübt, und welche Munition sie jenen liefert, die Nostalgie gern mit Chauvinismus vermengen möchten.

Großbritannien hat den Krieg nicht gewonnen. Weil London jedoch den Krieg in den Jahren 194041 nicht verlor, schuf es die Voraussetzung dafür, daß die USA und die Sowjetunion die notwendigen Waffen und Soldaten in Stellung bringen konnten, um 194445 schließlich den Krieg zu gewinnen - und so ihre Bedeutung auf Kosten Englands zu steigern. Nach dieser bitteren Lektion hätte sich Großbritannien freiwillig aus der großen Gesellschaft der Supermächte zurückziehen und eine angenehmere Position in der zweiten Liga Europas anstreben können. Das Glück und die Tapferkeit, mit der sich die Niederlage ebenso wie die Besatzung hatte vermeiden lassen, hätte dem Land ohne Zweifel eine Führungsrolle eingebracht.

Wahrscheinlich erwies sich aber der Kitzel, von Quebec über Casablanca und Teheran bis Jalta und Potsdam bei allen wichtigen Gipfeltreffen im Krieg dabeigewesen zu sein (wenn auch nicht immer Einfluß genommen zu haben) als zu verführerisch. Statt Anführer auf dem mittelgroßen Sportplatz Europa zu sein, der auf der anderen Seite des Zauns lag, zog es Großbritannien deshalb vor, auf dem Spielfeld der großen drei als der kleine Junge herumgestoßen zu werden. Die Tagträume, in denen man nach der Teilnahme an den Teffen der großen drei schwelgte, verleiteten Britannien dazu, im Jahr 1955 nicht nach Messina zu gehen (eine Konferenz, die auf direktem Weg zu den Römischen Verträgen von 1957 führte). Das war ein Versäumnis, das sich Großbritannien in den Tagen seiner wahren meeresübergreifenden Macht niemals geleistet hätte.