Im Regierungsviertel, ein paar Quadratkilometer den Rhein entlang, hocken sie zusammen, reden, essen, trinken miteinander, Tag für Tag: Journalisten und Politiker. So wurde Bonn zu einem eigenen Kosmos, dem es an Frischluft mangelt. Die Folgen beschreibt David Marsh, viele Jahre Deutschlandkorrespondent der Financial Times: "Der kleinstädtische Charakter der Stadt Bonn ist ein beträchtliches Hindernis für die westdeutsche Presse. Die Zusammenballung von Politikern und Journalisten in einer Stadt ohne urbane Kultur und fast ohne Kontakt zu Handel und Industrie erzeugt Engstirnigkeit und spießige Geselligkeit."

Im kleinen Bonn kuscheln die 582 Mitglieder der Bundespressekonferenz mit Regierung und Bundespräsident, Abgeordneten und Ministerialbeamten, deren Pressesprechern und Referenten. Man frühstückt gemeinsam, trifft sich auf Pressekonferenzen, führt dazwischen ein Interview, lädt sich dann zum Mittagessen ein, und abends diskutiert man bei Hintergrundgesprächen in einem der Journalistenzirkel wie "Gelbe Karte", "Antenne" oder "Ruderclub". Anschließend trinken Journalisten und Politiker privat ein Bierchen miteinander, aber privat heißt eigentlich dienstlich, denn es geht vor allem um Politik. "So kann man hier sein ganzes Leben zubringen", sagt Tissy Bruns, Korrespondentin der tageszeitung (taz).

Sie ist froh, ein Kind zu haben, das sie wenigstens zeitweise aus dem Bonner Sumpf herauszwingt.

Nähe ist nötig, und Nähe korrumpiert. In diesem Spannungsfeld gehen Bonner Korrespondenten ihrer Arbeit nach. An der Theke wird das Verhältnis zwischen Kontrolleuren und Kontrollierten mitunter persönlich. Klaus-Peter Schmid, Korrespondent der ZEIT, schrieb in einem Artikel zu seinem Abschied von Bonn: "Hans-Dietrich Genscher hat ‚seine‘ Journalisten fest im Griff, er pflegt sie, informiert sie gezielt, lädt sie zu Reisen ein. Den einen oder anderen nimmt er nach einem abendlichen Empfang auch einfach mit zum Weiterfeiern ins Häuschen nach Pech. Und wer wird sich einen so guten Kontakt durch besonders kritische Berichterstattung kaputtmachen, wo er zudem mit einer lebhaften Schilderung des Abends seinen Chefredakteur tief beeindrucken kann?" Nicht nur journalistisches Kalkül, auch echte Zuneigung zerstört die Unbefangenheit. Man mag sich, und plötzlich stockt die Feder, wenn ein böser Artikel fällig wäre.

Nähe entsteht auch durch das Gefühl, sich ähnlich zu sein. "Im Grunde sind wir eine Kaste", sagt Tissy Bruns, "die öffentliche Abteilung der Republik." Auch Klaus Dreher von der Süddeutschen Zeitung ahnt die Verwandtschaft: "Jeder Schlawiner kann Journalist oder Politiker werden. Wir sind Halbgebildete, die es zueinander hinzieht."

Außerdem strotzt in Bonn die Macht, und die hat für manche mehr Faszination, als einer ausgewogenen Berichterstattung guttut. Söhnke Petersen von der Münchner Abendzeitung gibt zu, daß es "ein bißchen schmeichelt, wenn man mit den Meistern selbst auf kurzem Draht ist". Manche Journalisten fühlen sich als Teil der Macht, wollen mitregieren. Wer sich aber für den Berater des Kanzlers und seiner Minister hält, wird so schreiben, daß er dieses Privileg nicht verlieren kann. Kurt Tucholsky notierte dazu: "Der deutsche Journalist braucht nicht bestochen zu werden, er ist so stolz, eingeladen zu sein, er ist schon zufrieden, wie eine Macht behandelt zu werden."

Wie sich manche Journalisten anbiedern, hat Herbert Riehl-Heyse, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, in seinem Buch "Bestellte Wahrheiten" beschrieben: Man müsse einfach einmal dabeigewesen sein, "wenn Helmut Kohl Anekdoten erzählt und gestandene Journalisten ihm mit letzter Begeisterung zuhören und die Pointe schon genießen, bevor die Geschichte zu Ende ist, weil sie sie nämlich schon zehnmal gehört haben".