STUTTGART/BADEN-BADEN. – Maulfaul nennt man bisweilen die Schwaben, weil sie nur denken und nichts sagen. Maulfaul sind derzeit die großen Koalitionäre in Stuttgart und die Verantwortlichen in den beiden ARD-Anstalten SDR und SWF, wenn man von ihnen hören will, ob und wann aus beiden Sendern nun endlich einer wird. Das sei, wehrt SWF-Intendant Peter Voß ab, "1994 oder 1995 kein Thema"; als ob man nicht wüßte, daß Voß auf den Fluren schon als Gesamtintendant beider Häuser gehandelt wird, und zwar von 1998 an.

Im "wilden Süden" (Eigenwerbung des SDR) hat seit bald fünfzig Jahren ein Kuriosum Bestand, das mitten durchs Ländle die Grenzlinie zweier ARD-Anstalten zieht. Weil die Amerikaner bei ihrem Einmarsch entlang der Autobahn Stuttgart-Ulm stoppten, trennen die Fahrstreifen bis heute die Radiohörer und Fernsehzuschauer in ehemals amerikanisch besetzte SDR- und französisch besetzte SWF-Empfänger. Keine hundert Kilometer Luftlinie voneinander entfernt entwickelten sich in den goldenen Gebühren- und Werbezeiten der vergangenen Jahrzehnte zwei Funkhäuser in Stuttgart und in Baden-Baden, die nichts miteinander zu tun hatten und die sich, so hat es Intendant Voß beobachtet, zueinander verhielten "wie zwei verfeindete Bergstämme". Peinlich wurde darauf geachtet, daß nichts zusammenlief, und wehe, ein Mitarbeiter sendete von jenseits der Autobahn ohne Absprache aus dem Feindgebiet.

Als darum Lothar Späth noch als baden-württembergischer CDU-Ministerpräsident vor fünf Jahren beide Sender fusionieren wollte, war der Aufschrei gewaltig. Er kam aus nahezu 5000 Kehlen, denn über so viele festangestellte Mitarbeiter verfügen SDR und SWF zusammen. Obwohl doppelt gemoppelt, hielt sich keiner für entbehrlich, am wenigsten die aufgeblähten Verwaltungsapparate beider Häuser, die bis heute eher vom Geist einer Oberzolldirektion durchzogen sind.

Späth kapitulierte, und sein Nachfolger Erwin Teufel gab sich 1990 mit der Ankündigung der aufgeschreckten Intendanten zufrieden, sie wollten freiwillig stärker zusammenarbeiten und dadurch jährlich 45 Millionen Mark einsparen. Pustekuchen. Zwar hat die Kooperation in zwei Hörfunkprogrammen und dem gemeinsamen Dritten Fernsehprogramm tatsächlich Kosten gespart, doch das Geld wurde durch die drastisch gesunkenen Werbeeinnahmen gleich wieder aufgefressen.

In der CDU sieht man das nicht ohne Schadenfreude. Die Christdemokraten hatten dem zunächst auf fünf Jahre befristeten Kooperationsabkommen nur zähneknirschend zugestimmt, und so sagt Fraktionschef Günther Oettinger einen Satz, der gar nicht seiner Art entspricht: "Ich halte mich zu diesem Thema zurück." Das kann er, weil er den Mißerfolg jetzt schon vorhersieht und das Urteil Ende nächsten Jahres schon kennt: "Nicht genügend."

Dann wird fusioniert. Für Peter Voß stellt sich deswegen heute schon ebenso wie für die unmerkbar an der Regierung in Stuttgart beteiligte SPD die Frage, ob eine Neugliederung der ARD im Südwesten nicht besser eingebettet werden sollte in eine gesamte Strukturreform der jetzt noch elf öffentlich-rechtlichen ARD-Anstalten. Wenn schon Fusion, dann will Voß gleich noch die Saarländer und die Hessen mit unter einem neuen Dach haben.

Doch darüber redet man derzeit nicht gerne. Die Medienpolitik soll, so erklärt Oettinger, "kein Wahlkampfthema werden". Denn wer das heiße Eisen anpackt, macht sich in beiden Funkanstalten keine Freunde und muß mit Abstrafung rechnen. Wie empfindlich man dort ist, hat auch Intendant Voß dieser Tage wieder spüren dürfen. Als er den SWF-Mitarbeitern in einem vierseitigen Rundschreiben unter anderem eine engere Arbeitsteilung zwischen den Produktionsbetrieben von SWF und SDR ankündigte, löste er gleich wieder aufgeregte Fragen im eigenen Haus aus: Wer wird entlassen? Dabei sind im Haushalt 1994 des Südwestfunks mit über 2400 Mitarbeitern nur 71 Planstellen und Zeitverträge gestrichen worden.