Was ist ein Realtiv – so was Ähnliches wie Realkredit, Realindex, Realkontrakt? Oder ein Mitschreibfehler? Ein Meteorologe kennt möglicherweise den Ausdruck Realtief. Realtiv ist etwas anderes, nämlich ein relativ – nicht realtiv! – häufig vorkommender Tippfehler. Und was ist eine Wasselratte? Gemeint war hoffentlich eine korrekt geschriebene Wasserratte? Sorry, es handelt sich hier um eine vertippte Wasserlatte.

Speziell dieser auf Buchstabenvertauschung basierende Tippfehler schleicht sich überall ein und ist schwerer auszusortieren als etwa die LUst, die eigentlich Lust heißen wollte, eine DRuckfehlersorte, die unfreiwillig so aussieht wie der für Lutherbibeln typische Abschnittsanfang: "DArumb ist das Buch vns Christen auch nützlich..."

Je schneller einer tippt, desto öfter geht Finger Nummer eins ein Millisekündchen langsamer von der gedrückten Taste runter, als Finger Nummer zwei Zeit braucht, die nächste Taste zu drücken, und schon steht systematisch statt fruchtbar furchtbar auf Bildschirm und Papier und statt Karnickel und Migräne Kanrickel, Mirgäne, Kindapping, Ardenalin und Schnüsrenkel. Wer hätte nicht schon mal das Wort Vaterland benutzt, um anschließend vom Vatelrand gefaselt zu haben? Aus Raubkatzen werden Raukbatzen, aus Tieftauchern Tietfaucher und – bei noch schnellerem Tippen – aus Rauchschwaden Rauschwaden.

Kaum ein Kurt, dem nicht ein unbrauchbarer Krut winkte, und nirgendwo ein Adorno, der einem nicht in der Reinschrift als Adrono unauffällig durchs Seib schlüpfte ... wobei dieses Seib von mir wirklich nicht provoziert wurde, sondern auf natrülichstem Weg ganz von selbst in meinen Schriebfluß kam, nein Schreibfluß. Seib treibt als Ausschußzelle mit verkorkstem Gencode durch den Organismus meiner Werke und wird bei erstbester Gelegneheit von einer vorbeikommenden Killerzelle als MUrks identifiziert und mittels Korrekturtastendruck liquidiert. Falls nicht, kann die Mißgeburt als kRebszelle Karriere machen.

Doch immer wieder werden zwischen den grasuam – nein, gruasam! – versütmemlten Wörtern und ihrer Überzahl, all diesen Spätfolgen gestreßten Tippens, verquere Menetekel wach, die sich so anhören, als wäre an ihnen etwas wundersam Neues dran: Damlaig klingt verheißungsvoll nach verballhorntem Dalai Lama ... eigentlich wollte ich bloß damalig gesagt haben. Und Kotflügel und kaltblütig gehen als Kotlfügel und katlbültig schier ins Axolotl- und Popocatepetlhafte über, und ad asburdum ins burnushaft Orientalische.

So gbeiert der Geist des Vertippens beglückende Zugnenbercher: Bartkartoffeln schmecken anregender als Bratkartoffeln, und wer sich mit Grammatik langweilt, die ihn für immer ins Fluidum unheilbaren Deutschunterrichts zurückwirft, braucht sich bloß zu vertippen, und schon blühen ihm – statt Pronomen – hocherektile Pornomen!

Alle Jubeljahre kommen sogar Verbesserungen zustande: Aus Pirmasens mach Primasens! Als ich noch Holbaum hieß, zog ich aus einem Brief, der sich an den sehr geehrten Herrn Holabum wandte, den Schluß, daß ich beim Absendertippen mich vetrippt haben mußte. Diesen Namen hätte ich gern in meinen Paß übernommen, doch klang er mir ein Spürchen zu humorig. Im Kompetenzbereich meiner Vernunft werden Verbesserungen nicht geduldet. Die Biologie ist da viel elastischer. Jeder Holabum kann da gleich zu jenem Reptil avancieren, das – auf nächsthöherer Evolutionsebene – aus dem Ei antiquierter Amphibien schlüpft.