Von Helga Hirsch

Budapest

Fast haben sie ihre Rollen schon getauscht. "Wenn ich in der Regierung säße...", räsoniert der liberale Oppositionsführer Gabor Kuncze in einer Wahlsendung, und Gyula Horn, der andere Oppositionsführer und sozialistische Spitzenkandidat, sekundiert ihm nach Kräften. Der amtierende Ministerpräsident Peter Boross kontert sofort: "Wenn ich in der Opposition wäre...", denkt er laut vor sich hin und kündigt "harte Kontrollen" an. Sie scheinen sich schon abgefunden zu haben mit den erdrutschartigen Verschiebungen im ungarischen Machtgefüge, die Meinungsforscher für die Parlamentswahlen am 8. und 29. Mai prognostizieren.

Vor vier Jahren wurden die Exkommunisten voller Verachtung ins politische Ghetto geschickt, jetzt dürfen sie auf etwa vierzig Prozent der Stimmen hoffen. Das damals siegreiche konservative Demokratische Forum (MDF) hingegen schrumpft voraussichtlich um die Hälfte auf gut zehn Prozent. Wie schon in Litauen und Polen saugt die alte Linke Honig aus den Schwierigkeiten des Übergangs vom Sozialismus zum Kapitalismus – und aus den Fehlern der neuen Rechten: Der Sieg fällt den Sozialisten fast in den Schoß.

Vergeblich werben und drohen die Spitzenpolitiker der Regierung in allerletzter Minute. Wollten die Wähler 1990 nicht selbst den behutsamen, schrittweisen Übergang? Warum, fragt Innenminister Imre Konya gereizt, gewähren sie der Koalition nicht mehr dieselbe Geduld "wie in den letzten vier Jahren?" Der Wechsel sei doch noch nicht abgeschlossen! Doch vielen klingt das inzwischen wie Hohn. Ja, einen behutsamen, schrittweisen Übergang hatten die Ungarn gewollt. Aber keine Unentschiedenheit, keine Inkompetenz, keine Vetternwirtschaft.

Noch in der Zeit des Umbruchs 1989/90 hatte sich das Demokratische Forum äußerst kompromißbereit mit den Reformkommunisten auf Übergangslösungen verständigt. Doch gleich nach den Wahlen im Frühjahr 1990 vollführte es eine grandiose Kehrtwendung: Nation, Religion und Tradition rückten ins Zentrum ihrer Politik. Wer das Ungartum nicht strahlend und unbefleckt darstellte, der wurde als Parteigänger der Kommunisten, als Nestbeschmutzer und Landesverräter oder als ein unsicheres, kosmopolitisches Element geziehen.

Konservative Rechte und extreme Nationalisten im MDF waren bald kaum noch zu unterscheiden. Der inzwischen verstorbene Ministerpräsident Jószef Antall warf den antisemitischen Flügel um István Csurka erst spät aus der Partei, gegenüber faschistischen Horthy-Traditionen und irredentistischen Wunschträumen verhielt er sich äußerst zweideutig. "Ich bin der Ministerpräsident von fünfzehn Millionen", verkündete er, obwohl der ungarische Staat nur elf Millionen Bürger zählt und der Rest als Minderheit in den Nachbarländern lebt.