So kommt das Leben in die Oper: Am 27. August 1824 wird auf dem Leipziger Marktplatz der Soldat und Perückenmacher Johann Christian Woyzeck hingerichtet - er hat drei Jahre zuvor seine Geliebte niedergestochen, aus Eifersucht, wie das Gericht feststellt, obwohl der Königlich Sächsische Hofrat Dr. Clarus dem Angeklagten eine verminderte Zurechnungsfähigkeit attestiert. Die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen um Clarus Gutachten wie dessen Antworten auf seine Kritiker sind nachzulesen in der ihnen gewinnt sich Georg Büchner den Stoff, gelegentlich sogar Zitate für sein Fragment gebliebenes Drama - das wiederum 42 Jahre verschollen bleibt und 80 Jahre auf seine Uraufführung warten muß.

Am Abend des 14. Mai 1914 dann besucht der damals 29jährige Komponist Alban Berg eine Aufführung des durch einen Schreibfehler nun so genannten "Wozzeck" durch die Wiener Residenzbühne, der Eindruck ist überwältigend, der junge Mann geht gleich ein zweites Mal hin - mit dem Ergebnis, daß er "sofort den Entschluß faßte, ihn in Musik zu setzen". Wieder acht Jahre später ist die Oper tatsächlich fertig - aber niemand will sie herausbringen. Im Januar 1924 schließlich läßt sich Erich Kleiber, der in Wien gastierende Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, das Werk vorspielen - und schon nach der zweiten Szene weiß er: "Die Oper mache ich in Berlin, und wenns mich meine Stellung kostet "

Die immerhin noch eineinhalb Jahre bis zur Premiere am 14. Dezember 1925 sind angefüllt mit mancherlei Hin und Her, Wenn und Aber, vor allem dann mit heute legendären 14 Ensemble- und 34 Orchesterproben, aber auch mit eskalierenden Intrigen aus vornehmlich der rechten Ecke des politisierten Journalismus. Schon am 30. November 1932 kann Erich Kleiber die Oper nur noch zum letzten Mal in Berlin dirigieren - die dann schnell zur "Entarteten Kunst" aufsteigt, während Kleiber aus Protest gegen die nationalsozialistische Kulturpolitik sein Amt zur Verfügung stellt und im Januar 1935 emigriert.

So kommt das Leben in die Oper: Gibt es nicht, in welche Realität wir heute auch blicken, hinter jeder Ecke jede Menge dieser gequälten, getretenen, Den Mord mißachteten, unbehausten, in den Verzweiflungsakt getriebenen Wozzeck Kreaturen? Ist, was einmal ein Individual Schicksal bestimmte, nicht längst zum Parameter einer ganzen Gesellschaft geworden, deren produktive Dynamik sich in und an ihrer eigenen Ellbogen Mentalität verbraucht, deren Progression sich in den Sumpf von Profitgier verliert, deren Blindheit für die Existenzen an ihrem Rande sie schließlich selber straucheln und stürzen läßt? Einer Gesellschaft von Abnormen, Narren, Gnomen, Workaholics - Entfremdeten? Einer Gesellschaft, die längst dem letzten Bißchen Natur, das noch mitspielen sollte, den Garaus gemacht hat, die sich scheinbar mobil fühlt in einer Bauklötzchen Welt, aber in Wirklichkeit in ihr herumirrt ohne Ziel und Sinn? Wie arm sind wir Leut eigentlich?

Patrice Chereau hat diese Fragen in seiner "Wozzeck" Inszenierung zum eigentlichen Inhalt erhoben, hat den "O Mensch" Expressionismus in Maries kleiner Spiegelscherbe reflektiert und in ein Jederzeit und Überall umgemünzt. Aber der Theater Spieler Chereau hat auch gespürt, wie viel Potential in den einzelnen Rollen liegt, im Hauptmann, der nicht weiß, daß er längst selber in jener skurrilen Umwertung von Sein und Funktion ins Absurde verloren ging; im Doktor, der in der Protokollierung des Anderen sich selber zugleich erfüllte und aufgab; in der Marie, für die das Wort "Sünde" wohl kaum erfunden wurde, sondern die uns fragt, wieviel Rechte sie eigentlich in dieser Welt hat. Da spielen schließlich Farben ihre Rolle, blutiges Rot und fahles Blaugrau, das Gelb der Uniformen und das leere Schwarz des Bühnenwürfels, wo die Welt wie eine einrastende Mechanik hineingefahren und nach erfülltem Zweck wieder herausgefahren wird.

Dieser spielerische Theatermensch Chereau hat freilich auch nicht vermeiden können, daß seine Charakterköpfe gelegentlich wie outrierende Chargen wirken, daß andererseits mancher Kopf mehr enthält, als der Bauch dann hergeben kann: Das Komödiantische verselbständigt sich ebenso wie der intellektuelle Tiefsinn, und der philosophierende Dramaturg ist schneller zu verstehen, als der Darsteller auch nur einen Hauch von Mitleid zu erzeugen vermöchte.

So kommt die Oper ins Leben: In der notdürftig ihre Positioji zwischen Ruine und Sakralraum suchenden, in rohen Backsteinwänden sowohl Mystisches evozierenden als auch der Akustik ganz außerordentlich dienlichen Parochialkirche in der Berliner Klosterstraße (zwischen Molkenmarkt und Alexanderplatz) zeigen drei Choreographen ihre in Bewegungssprache übersetzte, ins Absurde erweiterte, in die Tiefenpsychologie eindringenden Kommentare zu Wozzeck und Marie, zu ihm und ihr, zu denen und uns. Wie könnte sich Wozzeck verhalten, wenn er Marie noch einmal begegnete? fragt Maryse Delente - und die große Dame des französischen Frauen Tanztheaters zeigt uns, zur Musik des im gleichen Jahr wie Büchner geborenen Richard Wagner, wie ein Mensch nicht von seinem Schuldkomplex loskommt, wie das Blut unsichtbar an ihm klebt, wie er seine Tat immer noch einmal wiederholen wird. So kommt das Leben in die Oper: Eigentlich doch ganz erstaunlich, was die (trotz Wende oder Einigung, trotz Weizsäcker und Roloff Momin doch noch nicht wieder "Deutsche") Staatsoper Unter den Linden zu Berlin in einer Saison anbietet: dreizehn Premieren. Wenn sich da nur nicht immer mal wieder zeigte, daß - die lukullische Analogie sei einmal gestattet - doch manche raffiniert klingende Kreation (Busonis "Brautwahl") aus der Tüte stammt oder (Glucks "Alceste") aus der Küche von Wiener Kollegen (Cüeas "Adriana Lecouvreur", eine geplante Übernahme aus Mailand, wurde soeben angesichts eines Zehn Millionen Defizits im Staatsopern Etat kurzerhand gestrichen); daß es (Bellinis "I Capuleti e i Montecchi") auf der Sparflamme zusammengertthrt, einiges sogar nur in der Mikrowelle wieder heiß gemacht wird. Der "Wozzeck" zum Beispiel eine Produktion, die Anfang Juni 1992 im Pariser Theätre Chätelet Premiere hatte: Sie wurde jetzt in Berlin aufgetaut und temperiert, wobei sogar der Regisseur Patrice Chereau nur zum Vorkosten und Abschmecken nach Berlin kam, die eigentliche Arbeit aber den Hilfsköchen überließ, Assistenten, die zum Teil nicht einmal die Original Inszenierung miterarbeitet hatten. Die Produktion zieht demnächst weiter nach Chicago an die dortige Lyric Opera.