Küßchen, Küßchen

Die Breschnjew-Bilder sind verschwunden, das Politbüro ist aufgelöst, die Politruks sind in die Produktion oder die Geschäftemacherei abgewandert. Aber der Politkuß kehrt nach Moskau zurück – jene seltsame Neigung der einstigen Sowjetgrößen, ihresgleichen mit einem Schmatz auf den Mund zu ehren. Als jüngst Präsident Jelzin nach einem Urlaub auf dem Moskauer Flughafen eintraf, konnten seine dort zur Begrüßung versammelten Mitarbeiter sich des Herzens und Küssens gar nicht genugtun. Eine Anweisung aus dem Kreml? Ein Sprecher des Präsidenten dementiert dies; die Initiative zum Austausch der Intimitäten gehe von anderen aus. "Ich hoffe jedoch, dies wird nicht wieder üblich bei uns." Sittenforscher in Moskau sind da skeptischer. Denn während die Sowjetführer durch Bruderküsse nur ideologische Verbundenheit bekunden wollten, findet die neue Politklasse sie einfach schick. Und die Schickeria ist nun einmal langlebiger als jede ideologische Nomenklatura.

Gnade nach Recht

Noch bevor seine zweite Amtszeit endet, ist Bundespräsident Richard von Weizsäcker auf ein Thema zurückgekommen, das ihm schon gegen Ende seiner ersten fünf Jahre so wichtig war, daß er darüber heftige Diskussionen in Kauf nahm: das Verhältnis zwischen Gnade und Recht. Jetzt hat er den ehemaligen RAF-Terroristen Bernhard Rössner, der 1975 am Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm beteiligt gewesen war, begnadigt – nach siebzehn Jahren Haft. Weizsäcker wollte mit dieser dritten Begnadigung eines als Terrorist verurteilten Häftlings gewiß nicht Gnade vor Recht ergehen lassen, gleichzeitig aber deutlich machen, daß ein Staat, der nach dem Recht keine Gnade kennt, nicht Rechtsstaat zu heißen verdient. Dieser Rechtsstaat hätte Bernhard Rössner freilich schon früher entlassen müssen – wegen medizinisch erwiesener Haftunfähigkeit. Daß er sich dazu nicht verstand, trübt nicht die Botschaft Weizsäckers, macht sie vielmehr nur um so dringlicher.

Aus dem Schulbuch

Was Vertrauen schaffen sollte, begann mit einer Demonstration des Mißtrauens. Zu einer Konferenz über zypriotische Schulbücher waren Regierungsvertreter aus dem griechischen und dem türkischen Teil Zyperns geladen. Kurz vor Beginn erhielt der Veranstalter, das Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung, eine Absage von den Griechen: mit Bedauern, aber ohne Begründung. Die Botschaft stand zwischen den Zeilen: Nordzypern ist international nicht anerkannt, und Schulbücher sind ein Politikum. Unverdrossen saßen dennoch Wissenschaftler aus beiden Teilen Zyperns beisammen. Die wurden sich schnell einig: in der Kritik an der starren Haltung ihrer Regierungen. Das Wort von einer gemeinsamen "zypriotischen Identität" machte gar die Runde. Im erlauchten Kreis der "Vernünftigen" herrsche Vertrauen, bemerkte ein Teilnehmer in Braunschweig und setzte hinzu: "Doch Braunschweig ist noch lange nicht Zypern."