Die Bedingungen weltweiter Einsätze deutscher Soldaten beherrschen heute die außenund militärpolitische Debatte. Doch Streitkräfte sind auch ein innenpolitischer Faktor. Die Gründungsväter der Bundeswehr verwendeten ihre reformerische Kraft darauf, das Militär in das demokratische System einzubinden und es dem Primat der Politik zu unterstellen. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges war ein Einsatz deutscher Soldaten außerhalb des Bündnisses völlig undenkbar. Das Konzept der Inneren Führung wollte den bewußten Bruch mit den Traditionen des preußischdeutschen Militarismus. Es konnte nur ganz allmählich gegen die einflußreichen Kräfte der Vergangenheit durchgesetzt werden. Die Anfang der siebziger Jahre von Helmut Schmidt und Thomas Ellwein konzipierte Bildungsreform sollte den innermilitärischen Wandel absichern helfen. Bis 1945 hatte es zu den reaktionären Orientierungen des Militärs gehört, Bildung und Wissenschaft mit distanziertem Mißtrauen zu begegnen. Nun ließ es sich die akademische Bildung immerhin gefallen. Die "neuen Aufgaben" für die Bundeswehr werfen die Frage auf: Was ist aus den Reformen geworden?

Die Beziehungen von Militär und Wissenschaft haben Symbolcharakter für das Verhältnis der Bundeswehr zur politischen Kultur der deutschen Gesellschaft. Die wissenschaftsorientierten Konzepte Graf Baudissins und seine Vorstellung von einer akademischen Berufsausbildung für Offiziere sind in den fünfziger Jahren am Widerstand der Traditionalisten mit Wehrmachtsorientierung gescheitert. Aus eigener Kraft hat die Bundeswehr nur Halbherziges zur Akzeptanz und Integration von Wissenschaft zustande gebracht. Die Probleme, die sich aus dem Spannungsverhältnis von Bundeswehr und Wissenschaft ergeben, lassen sich an drei Institutionen ablesen. Sie zeigen, daß Militär und Geistes- und Sozialwissenschaften unter bestimmten Bedingungen sinnvoll zusammenarbeiten können. Aber sie zeigen auch die traditionellen Ängste des Militärs vor demokratisch pluralistischer Wissenschaft und politischem Pluralismus in der Armee selbst. Die Institutionen sind das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) in Freiburg, das mit den Traditionen der Apologetik der Geschichtsschreibung des Generalstabes gebrochen hat; - das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr (SOWI) in München, das zur Entzauberung der militärischen Sozialordnung erheblich beigetragen hat, und - die wissenschaftlichen Ausbildungseinrichtungen für Offiziere, allen voran die Universitäten der Bundeswehr und die Führungsakademie, die zu einer demokratiekonformen Rekrutierung und Sozialisation des Offiziernachwuchses unverzichtbar waren und sind.

Die Probleme dieser wissenschaftlichen Institutionen mit dem militärischen Führungspersonal stehen für mehr als nur für ihre fachspezifischen Belange. Sie signalisieren Entwicklungstendenzen des Verhältnisses von Militär und demokratischer Gesellschaft.

Beispiel Militärgeschichtliches Forschungsamt. Wie kam es überhaupt dazu, unter dem Dach des Verteidigungsministeriums eine geschichtswissenschaftliche Institution zu etablieren, die sich speziell der Erforschung der Militärgeschichte widmen sollte?

Der Vorgang ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund der NS Zeit. Damals war die Kriegsgeschichte im traditionell engen Sinne bei den "Kriegsgeschichtlichen Abteilungen" der Generalstäbe der Wehrmachtsteile vollständig auf das Kriterium des praktischen Nutzens verpflichtet, was im Klartext bedeutete: Aus kriegsgeschichtlichen Beispielen sollten die Offiziere die Regeln der Kriegsführung lernen. Darüber hinaus sollten die Historiker im Kontext einer NS ideologisch besetzten "Wehrgeschichte" einen Beitrag zur Militär- und Kriegspropaganda leisten. Von Freiheit der Forschung war keine Rede. Die Fragestellungen bewegten sich nur im engen Bereich der Kriegsgeschichte. Exemplarisch hierfür wurde das Reichsarchivwerk.

Nach dem Krieg galt die "Wehrgeschichte" als desavouiert Überhaupt wurde in der Ohne michProtestphase des ersten Nachkriegsjahrzehnts in breiten Teilen der deutschen Bevölkerung alles Militärische abgelehnt, so daß dieser Teil der Geschichte für einige Zeit aus der akademischen Forschung und Lehre verschwand.

Im "Amt Blank", dem Vorläufer des Bundesministeriums der Verteidigung, machte man sich in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre Gedanken darüber, wie man diesem als Defizit empfundenen Zustand künftig abhelfen könnte. Damals entstand der Plan, innerhalb der Bundeswehr eine Forschungseinrichtung für Militärgeschichte zu schaffen. Dieses Ziel glaubte man am besten dadurch erreichen zu können, daß man die Forschungstätigkeit der Militärhistoriker unter denselben Schutz stellte, unter dem auch die Universitätswissenschaftler arbeiteten, nämlich unter den Artikel 5 des Grundgesetzes, in dem die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre als ein Grundrecht garantiert wird. Auf der Basis der Wissenschaftsfreiheit entwickelte sich seit den späten sechziger Jahren im MGFA eine professionelle militärgeschichtliche Forschung.