Am schlimmsten wurde die Armut für Sharon Blair am Weihnachtsabend des vergangenen Jahres "Heizung oder Geschenke wir mußten wählen", sagt sie. Doch es war keine wirkliche Wahl. Im Dezember wird der Norden des amerikanischen Bundesstaates Vermont von klirrender Kälte heimgesucht. Die Temperaturen sinken weit unter den Gefrierpunkt, der Schnee türmt sich meterhoch.

Blairs Mann ist arbeitslos. Sie selbst schuftet Tag für Tag in einem Imbißstand in Newport, einer 5000 Seelen Gemeinde ein paar Kilometer von der amerikanisch kanadischen Grenze entfernt. Newport ist das müde schlagende Herz der ärmsten Region von Vermont: heruntergekommene Wohnhäuser, zerfallene Scheunen und schon lange stillgelegte Sägemühlen. Laut Statistik gibt es weit mehr als zehn Prozent Arbeitslose. In einer lieblichen Landschaft nistet das Elend. Sharon Blair hat Arbeit, aber kein Auskommen. Monatlich bringt sie für ihre sechsköpfige Familie 800, dann und wann auch 1000 Dollar nach Hause. 420 Dollar fließen in die Abzahlung ihrer Hypothek; 160 Dollar im Monat kostet das in dieser Gegend lebensnotwendige Auto. Nur einmal im Jahr bekommen die vier Kinder neue Kleidung. Ansonsten wird bei privaten "Garagenverkäufen" abgetragene Ramschware aufgekauft. Wer in Newport arbeitet, erhält oft kaum mehr als fünf oder sechs Dollar Lohn pro Stunde. Schon in normalen Zeiten reicht das selbst einer kleinen Familie nicht zum Leben. Katastrophen - ein geplatzter Autoreifen, ein kaputter Wasserboiler, ein fauler Zahn - ziehen eine Kettenreaktion aus ungezählten Rechnungen nach sich, an deren Ende manchmal der Sturz ins Bodenlose steht. Im Norden Vermonts gehen Männer auf die Jagd, um überhaupt Essen auf den Tisch zu bringen "Hier ist man entweder reich oder arm, steht oben oder unten", sagt Sharon Blair.

So wie in Newport ist die Situation in vielen Teilen Amerikas. Weit über neun Millionen arbeitende Amerikaner gelten offiziell als arm. Der gesetzliche Mindestlohn von stündlich 4 25 Dollar bringt am Ende eines Jahres ein Einkommen von knapp 9000 Dollar, über 2000 Dollar unter der Armutsgrenze für eine dreiköpfige Familie. Seit Ende der siebziger Jahre ist die Zahl der sogenannten working poor um gut die Hälfte gestiegen "Niemals zuvor", findet Lawrence Shimerine, Chefökonom des Washingtoner Economic Strategy Institute, "gab es in Amerika so viele Vollzeitbeschäftigte, die mit ihrem geringen Verdienst vorne und hinten nicht auskommen "

Diese Entwicklung ist nur eines der Zeichen dafür, wie gnadenlos die Wirtschaftsmaschinerie der Vereinigten Staaten im vergangenen Jahrzehnt mit ihren Arbeitern umgesprungen ist. Den Lebenstraum ihrer Väter - Haus, Autos, Sparbuch, regelmäßige Sommerferien - können sich Amerikas Söhne und Töchter heute nicht mehr ohne weiteres erfüllen. Der Durchschnittsverdienst eines Arbeiters ist seit 1987 um zehn Prozent zurückgegangen, ein Drittel aller Erwachsenen im besten Erwerbsalter (42 Prozent aller Schwarzen) mußten in den achtziger Jahren Einkommensverluste hinnehmen. Kein Wunder, daß da drei von fünf Amerikanern trotz nunmehr fast dreijährigem Wirtschaftsaufschwung denken, daß in ihrem Land etwas nicht in Ordnung ist. An diesem Umfrageergebnis dürfte sich auch in diesem Jahr nicht sehr viel ändern. Während auf den Chefetagen von Industrie, Banken und Investmenthäusern über Umsatz- und Gewinnrekorde gejubelt wird, bleiben in Büros und Fabriken die Lohnzuwächse mehr als bescheiden. Von dem rasanten Produktivitätswachstum, das Amerikas Wirtschaft wieder nach vorn gebracht hat, konnte bisher nur eine Minderheit wirklich profitieren "Der im Aufschwung geschaffene Wohlstand wurde vor allem an die Aktionäre verteilt, nicht an die Beschäftigten", räumt Gordon Richards ein, der Chefökonom des Arbeitgeberverbandes Dazu kommt, daß auch vom Arbeitsmarkt widersprüchliche Signale ausgehen: Einerseits wird für 1994 die Schaffung von über drei Millionen neuen Jobs vorausgesagt; andererseits hält vor allem in den Großunternehmen die Entlassungswelle unvermindert an. AT & T etwa will 15 000 Arbeitsplätze einsparen. Bei General Electric, Procter & Gamble und Philip Morris werden zwischen 10000 und 14000 Beschäftigte auf die Straße gesetzt. Insgesamt wurde von Amerikas Unternehmen im ersten Quartal dieses Jahres die Streichung von 192572 Jobs verkündet - über 3100 am Tag und mehr als in den entsprechenden Vorjahreszeiträumen seit 1990.

In den achtziger Jahren beschränkte sich die Jobvernichtung noch weitgehend auf die alten Industrien im sogenannten rust belt von Illinois, Indiana und Ohio. Heute, so der Wissenschaftler Paul Osterman vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), "flutet die Entlassungswelle von Industrie zu Industrie, von Sektor zu Sektor". Längst sind nicht nur Fabrikarbeiter betroffen, sondern auch Beschäftigte aus den White collarBerufen. Manager, Ingenieure oder Techniker besetzten die Hälfte der Arbeitsplätze, die im vergangenen Jahr verlorengingen.

Die Ökonomin Gail Fosler von der New Yorker Unternehmerorganisation Conference Board rechnet damit, daß Aufschwung und Wachstum letztlich wieder zur Schaffung gutbezahlter neuer Arbeitsplätze führen werden. Möglich ist aber auch, daß sich der Trend der vergangenen Jahre fortsetzt: An die Stelle von vergleichsweise attraktiven alten Jobs treten neue Stellungen, die weder ordentlich entlohnt werden noch eine ausreichende soziale Sicherung bieten. So fanden von 2000 beim Konzern RJR Nabisco auf die Straße gesetzten Beschäftigten zwar knapp drei Viertel eine neue Arbeit - aber zu Gehältern, die im Durchschnitt um 53 Prozent unter dem vorigen Niveau lagen. Der Handelsgigant Wal Märt war 1993 der größte Jobproduzent Amerikas; seine Löhne allerdings liegen bei mageren fünf bis neun Dollar in der Stunde. Nur 38 Prozent aller neuen Arbeitsplätze bieten eine Krankenfürsorge, nur jede achte Stellung die Aussicht auf eine Rente oder Pension.

Das ist nicht alles: Fast ein Fünftel der zwei Millionen im vergangenen Jahr geschaffenen Jobs waren Teilzeitarbeitsplätze. Das größte Unternehmen der USA ist heute die Zeitarbeitsfirma Manpower Inc, die in ihren Akten gut 600 000 Menschen führt. Die Vereinigten Staaten, schrieb das Magazin Time, stünden an der Schwelle zur Ära der just in time workforce, in der gerade die Großkonzerne den Kern der Vollzeitbeschäftigten immer weiter abbauen und zunehmend mit Gelegenheitsarbeitern operieren, für die es weder bezahlten Urlaub noch Krankenversicherung, Altersfürsorge oder eine Ausbildung gibt. Zusammen mit Arbeitslosen und Unterbeschäftigten bilden diese Teilzeitkräfte eine industrielle Reservearmee, die je nach Bedarf geheuert und gefeuert werden kann.