Von Dorothea Dieckmann

Venedig 1980. Ein Mann im Regenmantel, mit Schirmmütze und Tasche, wandert durchs Spiegelkabinett der blaßfarbenen Fassaden, die sich an der Wasserachse senkrecht auf dem Kopf und scheinbar auch waagrecht in der gegenüberliegenden Häuserfront reflektieren. Wolfgang Koeppen ist mit 74 Jahren noch einmal Reisender im Auftrag. Ein Kamerateam betrachtet den Betrachter beim Betrachten. Er spricht vor sich hin, zeigt, erzählt; er sitzt auf einem Caféstühlchen oder im Vaporetto, blättert in einem kleinen Ringbuch und liest daraus vor, verhaspelt sich, beginnt von neuem ... und entflieht dem Sichtbaren in seine Traumspiegelungen.

"Ankunft. Ich komme immer zu früh, ich habe mein ganzes Leben lang darunter gelitten, daß ich zu früh komme. Schon in der Schule war ich immer zu früh vor dem Anfang des Unterrichts da. Zu allen Verabredungen komme ich zu früh, zu Zügen komme ich zu früh, dann komme ich an, und dann stehe ich da, und es ist eigentlich nichts.

Jedesmal wenn ich angekommen bin, ein Augenblick von Glück. Allerdings war immer schönes Wetter. Die Kirche strahlte – man denkt, man fährt mit einer Gondel vor, all das ergab sich dann nicht. Aber doch schön, es zu träumen."

Die Sätze, schnell über Nacht entworfen, sind hörbares Schweigen. Die Wortfamilie "schön" durchzieht den Text mit Bedeutungslücken, Leerstellen, in denen sich Traurigkeit ausbreitet. Wolfgang Koeppen träumt mitten in Venedig von seinen alten Träumen von Venedig, die die alte Wirklichkeit nie erreicht haben und denen die heutige Wirklichkeit entwachsen ist. Ein Kind, das zu früh gekommen ist – "und dann stehe ich da, und es ist eigentlich nichts". Ein alter Mann, der zu spät gekommen ist – "all das ergab sich dann nicht". Sätze aus "Ich bin gern in Venedig warum", einem schmalen teuren Büchlein, das jetzt erst verlegt wurde, vierzehn Jahre nach der Niederschrift.

Der Text ist eigentlich ein Filmtext, genauer: der Wortbeitrag zu der gleichnamigen WDR-Produktion von 1980 mit und über Koeppen in Venedig, der unter der Regie von Ferdy Radax entstand. Man lauscht einem Erzähler, von dem schon früh gesagt wurde, daß er an die Grenzen des Erzählbaren vorstoße, und der von seiner eigenen Annäherung an das autobiographische Sprechen meinte, es sei wie ein an einen unbekannten Empfänger abgeschickter Brief. Der von sich sagt, er sei selbst zur Romanfigur geworden: "Ich lebe literarisch, darüber kann man sich amüsieren, nur nicht ich..." Seit den sechziger Jahren kündigt Koeppen, heute 88, einen neuen Roman an. Andeutungen, die Teil eines Versteckspiels sind, das zur Person dieses großen Schriftstellers gehört. Während die Leser warteten, ging der Autor auf Reisen, der Erzähler verschwand in Reiseberichten, verlor seinen festgelegten Standort. In "Ich bin gern in Venedig warum" sehen wir einen Mann, der nicht Zeugnis, sondern Stück für Stück das Leben selbst ablegt.

"Ich bin gern in Venedig warum" ist ein autobiographischer Text. "Hotel Rialto. Hier stieg ich aus, hier landete ich zum ersten Mal in Venedig. ... Ich nahm mir ein Zimmer. ... Ich wartete auf ein Mädchen, Das Mädchen kam. Das Mädchen verschwand. Ich hatte mein Geld ausgegeben. ... Nicht eine Scheibe Brot konnte ich mir leisten, keinen Kaffee. Nichts, gar nichts. Bis dann das Geld kam ... ich konnte doch noch abreisen."