Von Ralf Neubauer

Johannes Ludewig ist kein Mann, der das Rampenlicht sucht. Seinen Aufstieg zum Chef der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik im Bundeskanzleramt verdankt er beharrlicher Arbeit hinter den Kulissen und bedingungsloser Loyalität zu seinem Vorgesetzten Helmut Kohl. Ludewig war es, der dem Kanzler den Ausspruch vom Erhalt der "industriellen Kerne" in den Mund legte. Und Ludewig war es auch, der Kohl darin bestärkte, der maroden ostdeutschen Großchemie öffentlich bereits 1991 eine Art Bestandsgarantie zu geben.

Noch in diesem Monat muß der Ministerialdirektor seinem Chef einen vorläufigen Rechenschaftsbericht geben, denn voraussichtlich am 25. Mai wird Helmut Kohl zur Grundsteinlegung für die neue Leuna-Raffinerie nach Sachsen-Anhalt kommen. Zwar gilt das Raffinerieprojekt, das bis vor kurzem auf der Kippe stand, als Symbol Bonner Industriepolitik im deutschen Osten schlechthin. Tatsächlich ist die Großinvestition aber nur ein – wenn auch ein bedeutender – Baustein zur Rettung der ostdeutschen Chemie, die sich hauptsächlich im sogenannten Chemie-Dreieck im südlichen Sachsen-Anhalt konzentriert.

Nach den Berechnungen von Joachim Kaiser, Direktor bei der Treuhandanstalt, wird die Sanierung der Großchemie im Raum Halle/Leipzig insgesamt 25 Milliarden Mark öffentliche Gelder verschlingen. Derart großzügig begleiten Bundesregierung und Treuhand den Übergang in die Marktwirtschaft in keiner anderen Branche oder Region. Offenbar ist Bonn fest entschlossen, bei der Sanierung des "Industriekerns par excellence" (Ludewig) nicht auf halber Strecke aufzustecken.

"Eine Privatisierung um jeden Preis wird es nicht geben", versprach Johannes Ludewig etwa den Betriebsräten der Schkopauer Buna GmbH am Freitag vergangenener Woche. Die Plaste- und Elaste-Firma macht bei Umsatz von 600 Millionen Mark rund 400 Millionen Mark Verlust und wird vermutlich noch auf Jahre ein Unternehmen mit staatlicher Mehrheitsbeteiligung bleiben.

Widerstand gegen die kostenträchtige Industriepolitik im Osten regt sich insbesondere in Kreisen der westdeutschen Chemie-Lobby. Ihr ist der Kurs von Bundesregierung und Treuhandhanstalt schon lange ein Dorn im Auge. Es sei problematisch, "Strukturen aufrechtzuerhalten oder neue Kapazitäten zu schaffen, die nur mit Hilfe staatlicher Dauersubventionen überleben werden", warnte kürzlich Manfred Schneider, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG und derzeit Vizepräsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) in Frankfurt am Main.

Das Bild, das die Umstrukturierung im Chemiebereich derzeit bietet, ist durchaus gemischt. Die ungelösten Probleme bei Buna in Schkopau und das traurige Ende der Filmfabrik Wolfen, "Orwo", sind die negativen Seiten der Bilanz. Im benachbarten Bitterfeld und im dritten Exkombinat Leuna zeigen sich jedoch positive Ansätze, die dafürstehen, daß die Region auch in Zukunft ein Chemiestandort bleiben wird.