Von Haug von Kuenheim

Es ist sicher kein Zufall, daß in diesem Frühjahr zwei Bücher erschienen sind, die Ostpreußen zum Inhalt haben. Denn auf eine vertrackte Weise ist die einst deutsche Provinz zum Thema geworden. Vertrackt deshalb, weil aus den verschiedensten Ecken und Lagern Interessen artikuliert werden, die politisch großen Schaden anrichten können. Noch sind es gottlob wenige, die davon faseln, welche Chancen sich doch böten, würde man im alten Königsberg die Regie wieder übernehmen. Noch sind es Hirngespinste von ein paar Spinnern, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen. Dennoch: Es heißt aufgepaßt. Und da kommen jene beiden Bücher gerade recht, die Geschichte und Gegenwart auf beispielhafte Weise gerecht werden und die zudem beide glänzend geschrieben sind.

Christian Graf von Krockow, Politikwissenschaftler, der sich schon seit längerem völlig der Schriftstellerei verschrieben hat, und Ulla Lachauer, Journalistin und Filmemacherin, die Geschichte studierte, nähern sich Ostpreußen auf verschiedenen Wegen. Jener, Pommer von Geburt, Jahrgang 27, fühlt sich dem Osten seit Kindertagen vertraut. Er schrieb über seine Heimat und erwanderte die Mark auf Fontanes Spuren. "Manche befremdet es freilich, daß ich mich im Osten weit mehr engagiere als in Vietnam, Nicaragua, in Bosnien... Ich kann nur wiederholen: im Osten war ich zu Hause... Dort kenne ich mich aus, da bin ich sehr persönlich beteiligt und fühle mich mehr als anderswo verantwortlich für das, was geschieht oder unterbleibt."

Ulla Lachauer, Jahrgang 51, schreibt: "Ich war geprägt von Willy Brandts Politik... Vietnam und Chile, Kuba, Angola und das Westjordanland waren die Brennpunkte, und das Wunderbare war, man konnte zu diesen Ländern unmittelbar Kontakt aufnehmen... Sowjetsk (das frühere Tilsit d.R.) betrat ich – biographisch gesehen – von Osten her."

Von Westen der eine, von Osten die andere. Aber für beide war Ostpreußen Neuland. Der Pommer kannte, wie viele seiner Landsleute, das östliche Nachbarland nicht. Es spricht für seine Offenheit, daß er sich von dem Land der Wälder und Seen in seinen Bann ziehen läßt, einfühlsame Geschichten erzählt und einen großen Bogen schlägt von den preußischen Anfängen bis zur polnischen oder russischen Gegenwart. Sein Wurf gilt ganz Ostpreußen, während Ulla Lachauer sich auf den nördlichen Teil beschränkt.

Krockows Herz hängt am Osten. Er möchte die Welt, die dort versunken ist, im geschriebenen Wort bewahren. Die Zahl derer, die Ostpreußen noch aus eigenem Erleben schildern können, wird von Jahr zu Jahr kleiner. Die als Kinder den großen Treck übers Haff mitmachten, kommen heute ins Rentenalter. Nach fünfzig Jahren schwindet die Erinnerung, Namen, die keiner mehr nennt, müssen mühsam aus dem Gedächtnis hervorgekramt werden, alte Karten und der Baedeker aus den dreißiger Jahren müssen herhalten.

Sein Buch ist aber mehr als eine bloße Chronik des Vergangenen geworden. Und es ist ohne weiteres möglich, mit Krockow auf die Reise zu gehen, ihm nach Masuren zu folgen oder mit ihm durch Königsberg zu streifen. Krockow hat Spaß, einem Zusammenhänge zu erklären, der Leser erfährt, wie die großen Güter funktionierten und die unzähligen Bauernhöfe, er bekommt eine eindrucksvolle Lektion Kantschen Denkens, des Königsberger’ Philosophen, verabreicht. Krockow nimmt den Leser mit nach Tannenberg und Grünwald und erzählt ihm alles über den Deutschen Ritter-Orden, die Pruzzen, die Preußen, Polen und Deutschen.