Der Verteidigungsminister wurde zurückgepfiffen und strotzt trotzdem vor Selbstvertrauen. Sein Weißbuch, Anfang April veröffentlicht, wurde als Hochglanzbroschüre abgetan, seine "Konzeptionelle Leitlinie", für Ende April angekündigt, wurde nicht verabschiedet, weil die Hauruckmethode des Ministers den Widerstand seiner Partei- und Koalitionspartner mobilisierte. Und dennoch tut Volker Rühe so, als könne ihm dies alles nichts anhaben.

Der Grund: Sein Konzept für die künftige Bundeswehr entspricht genau jenen Prioritäten, auf die sich die Regierungskoalition seit langem festgenagelt hat. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter – so empfinden der Minister und seine Ratgeber die Koalitionsentscheidung, zunächst einmal eine Arbeitsgruppe über die Zukunft der Bundeswehr einzusetzen.

Wahrscheinlich geht Rühes Rechnung auch auf. Die Zweiteilung der Bundeswehr in schwerfällige Hauptverteidigungskräfte (HVK – für den unwahrscheinlichen Fall eines massiven Angriffes auf Westeuropa) und .mobile Krisenreaktionskräfte (KRK – für wahrscheinlichere Feuerwehreinsätze auf dem Gebiet der Nato oder, möglichst mit UN-Mandat, darüber hinaus) ist seit 1991 offizielle Allianz-Vorgabe; daran wird keine Bundesregierung etwas ändern. An der Wehrpflicht wollen fast alle Parteien festhalten, und keiner will mehr Geld für die Bundeswehr ausgeben.

Da bleibt dann nur, was Rühe und sein Berater-Kränzchen ausgearbeitet haben: eine kleine, aber schlagkräftige Krisentruppe; eine größere, weitgehend gekaderte Schattenarmee und ein Gesamtumfang, der niedriger ist als bisher (um Kosten zu sparen), aber immer noch über 300 000 Mann liegt (um dem Erfordernis der Wehrgerechtigkeit bei der Wehrpflicht zu genügen). Selbst Kritiker des Verteidigungsministers – und daran fehlt es in Bonn wahrlich nicht – bescheinigen ihm deshalb auch "ein intelligentes Konzept".

Und das wäre es dann gewesen: die "zweite Neugründung" (Rühe) der Bundeswehr – ein bloßes Abhaken der Probleme, ein geschicktes Austarieren zwischen widerstreitenden Sachzwängen? Fast verwundert da, daß die Spitze des Ministeriums fast dreißig Stunden benötigte, um zu diesem Ergebnis zu gelangen. Wenn der Verteidigungshaushalt 47,5 Milliarden Mark im Jahr nicht überschreiten darf, dann bleibt eben nichts anderes übrig, als den Umfang der Bundeswehr zu vermindern. Und wenn die Wehrpflicht nicht in Frage gestellt werden kann, dann darf diese Umfangsverminderung nicht so drastisch ausfallen, daß immer weniger Wehrpflichtige sinnvoll ausgebildet werden können; bei 300 000 Mann liegt, so kalkulieren Militärplaner, diese Grenze. Rühe kommt auf 320 000 Mann.

In seinem sinnigerweise fast gleichzeitig mit dem Weißbuch erschienenen Werk "Die Bundeswehr in einer Welt im Umbruch" schreibt der Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann: "Auftrag, Umfangszahlen, Wehrsystem und Haushalt bilden die wesentlichen politischen Vorgaben für die Planung der Bundeswehr... Keine dieser Vorgaben kann verändert werden, ohne Rückwirkungen auf die anderen zu zeitigen."