Von Hugo Vickers

Im Herbst 1932 erhielt der achtundzwanzigjährige Photograph Cecil Beaton einen Brief von seiner Freundin Anita Loos, der Autorin von "Blondinen bevorzugt". Anita Loos lebte in Los Angeles und schrieb Drehbücher für MGM.

"Cecil, Schatz, in unserem Kreis hier ereignet sich so viel, daß mich die Vorstellung, alles erzählen zu wollen, schon überfordert, wenn ich ans Briefeschreiben auch nur denke. Die Geschichte zwischen der Garbo und Mercedes ist einfach zu spannend. Die beiden haben sich fürchterlich gestritten, und die Garbo ist, ohne sich zu verabschieden, abgereist. Mercedes ist dann nach New York geflogen, um sie wiederzusehen, aber die Garbo hat nicht wollen. Bei ihrer Rückkehr war Mercedes völlig verzweifelt. Sie hat ihren Job bei MGM verloren und befindet sich in einer schrecklichen Verfassung. Außerdem ist sie wohl völlig blank – sie kriegt kein Bein mehr auf den Boden, und es ist alles ganz grauenhaft. Die Geschichte ist so lang wie ein Lexikon – aber sehr viel aufregender –, und ich hoffe, daß Du Mercedes mal persönlich begegnest und sie von ihr selbst erzählt bekommst."

Mercedes de Acosta – heute vergessen – war eine in Literatur- und Filmkreisen bekannte Dichterin, Dramatikerin und Drehbuchautorin. Sie war stets sehr elegant gekleidet, entweder weiß oder schwarz oder in einer Kombination der beiden Farben. Ihre liebsten Kleidungsstücke waren Capes, Dreispitze und gutgeschnittene Jacketts. Wenn sie jemanden verführen wollte, arbeitete sie mit Champagner, Lilien und Kaviar und füllte, wenn es sein mußte, ein ganzes Zimmer mit Köstlichkeiten, egal, was es kostete. Gern gab sie an: "Ich kann einem Mann jede Frau abspenstig machen", und es spricht viel dafür, daß es wirklich so war.

Die Garbo drehte 1931 gerade "Susan Lenox", als Mercedes sie in Santa Monica im Haus von Freunden kennenlernte. "Als wir uns die Hand gaben und sie mich anlächelte, hatte ich das Gefühl, sie schon mein ganzes Leben lang zu kennen", erinnert sich Mercedes. "Ja, über viele frühere Inkarnationen hinweg."

Die Garbo und Mercedes sprachen kaum miteinander, doch einmal ließ man die beiden für kurze Zeit allein. "Wir schwiegen. Es war ein Schweigen, mit dem sie gut umgehen konnte. Sie weiß, was sie in solchen Momenten tun muß." Gerade zur rechten Zeit fiel der Garbo der schwere Armreif auf, den Mercedes trug. Mercedes überreichte ihn ihr mit den Worten: "Ich habe ihn in Berlin für Sie gekauft." Bald darauf fuhr die Garbo wie üblich nach Hause und verbrachte den Abend damit, allein im Bett zu speisen. Aber diese erste Begegnung war gut gelaufen.

Die Garbo begann Mercedes zu mögen und es zu zeigen. Sie rief die Autorin einmal sogar mittags auf einem Essen bei anderen Leuten an, um sie zu sich nach Hause einzuladen. Sie begrüßte ihre neue Freundin bereits an der Tür – was sie sonst nur selten tat – und streute Blütenblätter, über die sie Mercedes schreiten ließ. Selbst das Schlafzimmer bekam Mercedes zu Gesicht: "Es wirkte eher wie das Zimmer eines Mannes. Ich fand den Anblick ziemlich traurig." Aber der Besuch dauerte nur kurz, denn die Garbo war müde, und sie sagte schon bald: "Du mußt jetzt nach Hause gehen", was sich später zwischen den beiden zu einem oft wiederholten Scherz entwickeln sollte.