KÖLN - Muzaffer genießt die Aufmerksamkeit. Der dreizehnjährige Junge, den in der Türkei niemand haben wollte und der in Deutschland unerwünscht war, steht plötzlich im Rampenlicht. Die Fernsehjournalisten reißen sich um ihn, die Politiker streiten sich über ihn Über tausend Kölner demonstrierten dafür, daß der Junge Deutschland nicht verlassen muß, eine Rapperband widmete ihm einen Song.

Seit vier Jahren lebt Muzaffer bei seiner Halbschwester in Köln. Sie ist hier verheiratet und hat ein Kind. Den Jungen hat sie zu sich geholt, weil sich in der Türkei niemand um ihn kümmerte. Der Vater ist tot, die Mutter hat er seit seinem vierten Lebensjahr nicht mehr gesehen. Als krankes und vernachlässigtes Kind kam Muzaffer aus der Türkei hier an, inzwischen hat er sich zu einem aufgeweckten Jungen entwickelt.

Nach dem neuen Ausländergesetz erhalten Kinder nur dann eine Aufenthaltserlaubnis, wenn beide Eltern hier leben. Der Nachzug zu anderen Verwandten ist nur dann möglich, wenn eine "außergewöhnliche Härte" vorliegt. Eine solche Härte sehen die Behörden nicht, und die Gerichte bestätigen diese Ansicht: Der Junge habe in Istanbul einen Halbbruder, der neben eigenen Kindern bereits zwei andere Geschwister des Jungen versorge. Das sei ein Beweis, daß er sich auch um Muzaffer kümmern könne. Und sollte der Junge tatsächlich nicht bei dem Halbbruder unterkommen, habe er ja immer noch seine Mutter. Daß Muzaffer seit neun Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr hat, interessiert die Richter nicht. Ebensowenig fragen sie danach, in was für Verhältnissen der Halbbruder in der Türkei lebt: Hat er überhaupt die Bereitschaft oder die Möglichkeit, für das Kind zu sorgen? Niemand berücksichtigt, daß die Halbschwester in Köln die einzige Bezugsperson des Jungen geworden ist und daß ihm in der Türkei ein Leben als Straßenkind droht.

Muzaffer ist keine Ausnahme. Seit das neue Ausländergesetz gilt, müssen viele Kinder fürchten, ausgewiesen zu werden; allein in Köln sind es über hundert. Seit fast zwei Jahren versucht der Kölner "Unterstützerkreis der von Abschiebung bedrohten Kinder und Jugendlichen", das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen - bisher fühlte sich niemand zuständig. Die kommunalen Behörden berufen sich auf das Gesetz, das von der Bonner Koalition verabschiedet wurde; das Bundesinnenministerium verweist auf die Länder, die für die Anwendung des Gesetzes zuständig sind. Der nordrhein westfälische Innenminister Schnoor gibt den Schwarzen Peter zurück nach Bonn "Ich habe dem Ausländergesetz nicht zugestimmt, aber ich muß mich daran halten Appelle von Menschenrechtsorganisationen, Wohlfahrtsverbänden und Initiativen wie terre des hommes, Entscheidungen am Wohl des Kindes zu orientieren, bleiben ungehört. Erst mit dem "Fall Muzaffer" Wurde das Problem auch in Bonn wahrgenommen. Die Kinderkommission im Bundestag forderte die Stadt Köln auf, dem Jungen aus humanitären Gründen ein Bleiberecht zu gewähren. Aber Dezernent Kappius (SPD) beharrt auf seinem Standpunkt: "Jeder, der an die Stadt Köln appelliert, dem Jungen doch noch den Aufenthalt zu gewähren, muß sich darüber im klaren sein, daß er die Stadt zur Mißachtung geltenden Rechts und geltender Gesetze auffordert "

"Das ist dummes Zeug", erwidert der CDUBundestagsabgeordnete Heribert Blens. Er sieht für Muzaffer eine "außergewöhnliche Härte". Auch ein Rechtsgutachten des Staatswissenschaftlers Martin Kriele weist nach, daß die Stadt Köln im Rahmen des bestehenden Gesetzes durchaus die Möglichkeit hätte, Muzaffer einen Aufenthalt zu gewähren.

Die krassen Meinungsverschiedenheiten können deshalb entstehen, weil es immer noch keine rechtsgültigen Verwaltungsvorschriften gibt, die einen bundesweit einheitlichen Umgang mit dem Gesetz vorgeben. Einigkeit jedenfalls besteht darüber, daß das Ausländergesetz, wie es derzeit ausgelegt wird, das Wohl des Kindes außer acht läßt. Wie dem auch sei: Die Stadt Köln dürfte vorläufig kein Kind mehr abschieben, auch Muzaffer nicht. Vor Wochen hatte Pressesprecher Burkhard allerdings erklärt: "Wir werden erst dann keine Abschiebungen mehr vornehmen, wenn aus den Reihen der Bonner Koalition die Bereitschaft signalisiert wird, über eine Gesetzesänderung nachzudenken Ulrike Klausmann