Einem Reisebüroangestellten müßte doch andauernd das Wasser im Munde zusammenlaufen. Organisiert dieser arme Mensch von morgens bis abends anderer Leute Urlaub in Warnemünde oder Waikiki, verkauft alles von Angeltrips in Alaska bis Zebra-Safaris in Simbabwe. Sitzt selbst die ganze Zeit in seinem stickigen Büro und kennt die weite Welt nur aus Prospekten, Katalogen und Postkarten, die ihm zufriedene oder schadenfrohe Kunden per Luftpost schicken.

Wer allerdings Stammkunde in einem Reisebüro ist, dem wird nicht entgangen sein, daß ein Teil des Stammpersonals recht häufig durch Abwesenheit glänzt und der anwesende Teil durch eine beneidenswerte Bräune. Was zu der nicht ganz irrigen Annahme verleitet, daß Expedienten selbst gern und häufig reisen. Recht so! Wer will sich schließlich bei seiner richtungweisenden Entscheidung zwischen Galapagos und Garmisch von einem Stubenhocker dreinreden lassen?

Das Branchenblatt Reisebüro Bulletin verrät Woche für Woche, wo sich Deutschlands Reiseverkehrskaufleute gerade fort-bilden. Letztens erfuhr man über den Verbleib mehrerer Expedienten folgendes: Zwei Unternehmen "hatten eingeladen zur Info-Reise mit der Crown Dynasty durch die östliche Karibik. Begeistert vom neuen Schiff versammelten sich die Reiseverkäufer an der Pier von Nassau."

Apropos Nassauer: Daß die Teilnehmer dieser Kreuzfahrt ihren Dispositionskredit leichtsinnig überzogen hätten, ist kaum zu befürchten. Üblicherweise wird zu solchen Bildungsreisen eingeladen. Wann immer Destinationen mit mangelhaft belegten Fremdenbetten oder Reiseveranstalter mit Absatzproblemen ihre lauen Geschäfte ankurbeln wollen, laden sie erst einmal ein handverlesenes Dutzend Fachleute aus der Branche zu einer Schnupperreise.

Natürlich werden diese Reisen nicht allein aus purer Nächstenliebe veranstaltet. Wer auf der Crown Dynasty ein paar herrliche Tage verbrachte, wird den Lustdampfer nicht nur gern weiterempfehlen, sondern seine Dankbarkeit den Spender durch vermehrte Buchungsanstrengungen spüren lassen.

Zudem werden die Verkäufer für die Wahl des "richtigen" Veranstalters belohnt. Das Prinzip von Anreiz und Belohnung betreiben alle Großveranstalter hochprofessionell. In Reisebüros, die beispielsweise Tickets des Charterriesen LTU im Wert von zwei Millionen Mark verkaufen, reisen die Filialleiter gratis in den nächsten LTUrlaub, ihre Untergebenen für die Hälfte.

Das moderne Rabattmarkenwesen wird mit der sogenannten Agency-Card abgewickelt, die je nach Tüchtigkeit in den Farben Gold für besonders tüchtige Reisebüros über Silber, Rot plus und Rot fein abgestuft ist.