Ein merkwürdiger Widerspruch durchzieht das Buch. Endlich hat die SPD wieder einen "richtigen" Vorsitzenden, so rühmen die Autoren, und doch brechen ständig Zweifel durch, ob es auch wirklich der Richtige ist. Das Portrait des Kanzlerkandidaten gerät positiv, manchmal geradezu hymnisch, die Perspektiven für die SPD bleiben eher vage und unklar.

Die Partei, die da besichtigt wird, könnte in gewisser Hinsicht auch die CDU sein und der Vorsitzende Helmut Kohl heißen. Allerdings hat der viele Jahre, ordentliche Wahlsiege und einen Regierungswechsel gebraucht, bis er dort angekommen war, wo Rudolf Scharping offensichtlich von Anfang an steht: "Er ist unantastbar", umschreibt es bescheiden sein Geschäftsführer Günter Verbeugen. Die Autoren erschaudern fasziniert, und sie vermelden es in fast kriegswissenschaftlicher Sprache, daß da einer die SPD so diszipliniert wie seit Herbert Wehner keiner mehr, ja sogar "eine milde Form demokratischer Erziehungsdiktatur in der Partei scheint denkbar". Doch auch der tröstliche Hinweis, daß "viele Beteiligte für die straffe Führung dankbar sind", vermag die leisen Zweifel nicht ganz zu beruhigen, ob so viel Disziplin, Zucht und Ordnung denn noch ein Die kritischen Fragen der Autoren beginnen immer dort, wo sie nicht den Vorsitzenden und seine Partei, sondern die Gesellschaft und die Wählerlandschaft besichtigen, und es sind dies die lesenswerten Passagen des Buches. Zwar sehen sie Scharpings Stärke "im Machtbonus des letzten Aufgebots" begründet. Aber wird er mehr sein als ein weiterer vergeblicher Versuch der Sozialdemokraten, sich erfolgreich "im magischen Viereck" potentieller SPDWähler zu bewegen? Kann er die "soziokulturelle Spaltung" aufheben, die durch die Mitte und durch die Linke hindurchgeht? Die Autoren unterscheiden vier Wählergruppen, die die SPD für ihren Erfolg braucht, die sie aber nicht zugleich und optimal ausschöpfen kann: die gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer; die "sozialdemokratische Intelligenz" aus Wirtschaft und Wissenschaft, Kultur und Medien; die postmaterialistische Linke; schließlich ehemalige SPD Wähler auf der Wanderschaft über die CDU zu den Republikanern ("sozialdemokratischer Rechtspopulismus").

"An der Steuerung dieses magischen Vierecks der Sozialdemokratie sind bisher alle Strategen und Strategien gescheitert Rudolf Scharping versuche es erst gar nicht, er setze vielmehr auf die traditionellen Kerne der SPD. Damit wolle er an den Erfolgskurs der sechziger Jahre anknüpfen. Der Unterschied freilich ist so banal, daß er meist übersehen wird. Mit dem Godesberger Programm von 1959 hat sich die SPD bis weit in die Mitte der damaligen Gesellschaft hinein geöffnet und so neue Wähler gewonnen. Godesberg war eine Wende nach vorn, weg von vertrauten Mustern der Vergangenheit. Scharpings "Anpassungs- und Schließungsstrategie" von 1994 ist da von anderer Art; mit ihr grenzt sich die SPD gegenüber großen Teilen der neuen Mitte ab, und so könnte es wohl sein, wie die Autoren vermuten, daß man nach der Wahl von Scharpings "Kurskorrektur" erneut wird sagen müssen, "sie sei übermäßig hart ausgefallen".

Thomas Leif und Joachim Raschke haben ein wichtiges Buch geschrieben. Es informiert über die SPD, zeigt aber auch die Schwierigkeiten der Politik an den Grenzen der Parteiendemokratie. Die Hoffnung, durch Programme Parteien unterscheiden und Politik steuern zu können, erweist sich immer mehr als trügerisch. Nicht nur die SPD ist auf dem Weg zu einer "Minimalpartei", und das liegt nicht nur an den Parteien, sondern auch an den Zeiten.

Merkwürdig blaß und konventionell bleibt das Buch dort, wo es um zeitgemäße Reformansätze geht, die ja nicht länger als Endmoränen der sozial liberalen Ära gedacht werden können. Doch darauf läuft es wohl hinaus, in der SPD wie in diesem Buch: Reformen kosten Geld, und sie kommen vom Staat. Die amerikanische Debatte, Regierung neu zu denken Sektor zu verändern und so am Ende eine bessere Regierung und wieder Reformen in der Gesellschaft zu haben, hat die politischen Parteien in Deutschland noch nicht erreicht.