Von Carl D. Goerdeler

Deutsche Nabelschau, nicht nur daheim, sondern auch im Ausland: "Es wird höchste Zeit, daß wir wieder über unseren Tellerrand schauen; in Lateinamerika sind wir dabei, Chancen zu verspielen, wenn wir so weitermachen", klagen die Handelskammern. Außenminister Klaus Kinkel und seine Botschafter waren im Oktober in Buenos Aires ebenfalls zu dem Schluß gelangt, man müsse eine neue Wirtschaftsinitiative auf dem Subkontinent starten.

Verpassen deutsche Unternehmen nach Asien nun auch den Anschluß in Lateinamerika? Lohnt sich eine intensivere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Ländern südlich des Rio Grande? Wirtschaftsminister Günter Rexrodt wollte es genau wissen; er ließ zwei Gutachten anfertigen. Beide Studien, die des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung über den Handel und die des Kieler Instituts für Weltwirtschaft über die Investitionen, belegen, wie schwerfällig die deutsche Wirtschaft auf den Klimawechsel in Lateinamerika reagiert und wie sie sich anstrengen muß, um wenigstens ihren Marktanteil zu halten.

Vergilbte Photos erinnern an bessere Zeiten: VW-Chef Heinrich Nordhoff neben Präsident Juscelino Kubitschek am Steuer des ersten Brasilien-Käfers; Siemens-Ingenieure justieren in Itaipú die größten Kraftwerksturbinen der Welt; der Tchibo-Onkel prüft die kolumbianische Kaffee-Ernte. In erstaunlich kurzer Zeit war es den deutschen Unternehmen gelungen, ihre starke Stellung als Investoren und Handelspartner in Lateinamerika nach dem Krieg zurückzugewinnen. Bis in die Mitte der achtziger Jahre stiegen die deutschen Direktinvestitionen und der Außenhandel mit Lateinamerika stetig an. São Paulo sei, gemessen an den Anlageinvestitionen, die größte deutsche Industriestadt, lautet der selbstgefällige Spruch.

Lateinamerika blieb – nach Nordamerika – bis in die achtziger Jahre die bevorzugte Region des deutschen Außenhandels und der Unternehmensgründungen in Übersee. Drei von vier Mark, die deutsche Unternehmen in Entwicklungsländern investierten, flossen in den Subkontinent, der Löwenanteil von siebzig Prozent nach Brasilien, der Rest nach Argentinien, Kolumbien und Mexiko. Im Jahr 1979 übertrafen die kumulierten deutschen Direktinvestitionen in Lateinamerika die in Asien um den Faktor zehn; heute sind sie auf die Hälfte ihres Wertes geschmolzen und nur noch dreimal so hoch wie in Fernost. Lateinamerika ist im Wettlauf um Investitionen und Marktanteile gegenüber Asien weit zurückgefallen.

Gigantische Schulden, gähnende Haushaltslöcher, galoppierende Geldentwertung, Guerillas und Generäle, aufgeblähte Bürokratien und hohe Handelsbarrieren: Das "verlorene Jahrzehnt" hatten die Regime in Lateinamerika durch nationalen Größenwahn mitverschuldet. Gelingt es ihnen nun, sich selber aus dem Sumpf zu ziehen?

Die meisten Länder Lateinamerikas blicken mit gedämpftem Optimismus in die Zukunft. Anlaß dazu gibt der insgesamt positive wirtschaftliche Trend der vergangenen drei Jahre. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) hat dazu folgende Zahlen veröffentlicht: 1993 betrug das Wirtschaftswachstum der Region im Durchschnitt 3,2 Prozent; die meisten Länder konnten Preisstabilität erzielen; die große Ausnahme ist bislang Brasilien.