Von Peter Bakker und Helmuth Frahm

HAMBURG. – Nicht nur aus einem aktuellen Konflikt heraus lohnt es, sich mit der Hamburger SPD auseinandersetzen. Aus unserer Sicht ist es unabdingbar, große Volksparteien auch als Mitgliederparteien zu erhalten. Die Begegnung und Aus-Zusammenhalt in einer Volkspartei kann jenen gesellschaftlichen Zusammenhalt vermitteln, den die widerstreitenden Interessen normalerweise vermissen lassen. Das wirkt spannungsmildernd und demokratiefördernd.

Dazu muß jedoch der Nachwuchs gezielt einbezogen werden. Ohne ihn trocknen die Parteien aus. Sie verlieren nicht nur ihr eigenes Rekrutierungspotential, sondern vor allem den Kontakt zu den jüngeren Generationen. Die großen Parteien haben den Anschluß an die Jugend faktisch schon Ende der siebziger Jahre verloren. Anfang der siebziger Jahre war jeder fünfte in der SPD unter 30 Jahre alt, was in etwa dem Verhältnis in der Gesamtbevölkerung entsprach. Das ist nun anders. In der Hamburger SPD ist nur noch jeder zehnte (11 Prozent) unter 30. 3,2 Prozent sind jünger als 25 und 1,6 Prozent jünger als 21. Hingegen stellen die über 71jährigen 19 Prozent der Mitglieder in der Hansestadt.

Auch im Landesvorstand fehlt die junge Generation. Dort liegt das Durchschnittsalter bei 50 Jahren. Die Bürgerschaftsabgeordneten sind im Schnitt 31 Jahre alt.

Besonders deutlich wird die Verzerrung, vergleicht man die Zahl der Jüngeren in der Hamburger SPD-Fraktion mit dem Anteil der Jugend an den Wahlberechtigten. Die Gruppe der 18- bis 25jährigen stellte bei der Bürgerschaftswahl im vergangenen Jahr 8,8 Prozent der Wahlberechtigten, die Gruppe der 25- bis 35jährigen 21,2 Prozent. In der SPD-Fraktion sind dagegen die 18- bis 25jährigen gar nicht, die 25- bis 35jährigen mit 1,7 Prozent deutlich unterrepräsentiert.

Die inzwischen 50jährigen Achtundsechziger sind auf ihrem "Marsch durch die Institutionen" längst angekommen. Ein zweiter Generationswechsel tut darum dringend not, wenn die Partei nicht den Anschluß verlieren will. Mehrere Studien zum Wahlverhalten von Jungwählern und Jungwählerinnen weisen darauf hin, daß es immer schwerer fällt, junge Menschen für Parteien zu mobilisieren – ein deutliches Signal für Entfremdungstendenzen zum institutionellen politischen System.

Es stellt sich die Frage, warum die SPD bisher nicht versucht hat, bei der Auswahl von Personen für die Bürgerschaftsfraktion und für die Leitungsgremien der Partei einen zweiten Generationswechsel einzuleiten und wieder Anschluß an die Jugend zu gewinnen. Eine planvolle und zukunftsgerichtete Personalauswahl findet nicht statt. Das vorherrschende Prinzip heißt "Champignon-Management", was bedeutet: Die Köpfe, die aus dem Dunkel herausragen, werden abgeschnitten. Politische Talente werden regelmäßig als Gefährdung und nicht als Bereicherung verstanden, ganz besonders, wenn sie nicht den Bewährungsaufstieg durch die Lager vollzogen haben. Dieses Prinzip schützt die Positionen derjenigen, die sich in den inner circles befinden vor den Ansprüchen anderer und sorgt für den Bestand dieser Kreise, weil politische Karrieren in der Regel nur über sie organisiert werden können.