Die Unfähigkeit zu trauern ist ein geflügeltes Wort, seit Alexander Mitscherlich untersucht hat, warum so viele Deutsche sich weigerten, ihre Beteiligung an Kriegs- und Menschheitsverbrechen während des Zweiten Weltkrieges einzugestehen und ihren Schuldanteil anzunehmen. Diesem kollektiven Mangel gesellt sich jetzt eine Unfähigkeit zu feiern, zumindest bei jenen Politikern in Bonn, die für nationale Zelebritäten zuständig sind.

Erst staunte die Welt über das barsche Verhalten, mit dem Bundeskanzler Helmut Kohl reagierte, als er zum zweitenmal nicht zu den Gedenkfeiern der westlichen Siegermächte auf den Schlachtfeldern der Normandie geladen wurde. Kaum hat sich die Aufregung etwas gelegt, da verletzt er die Empfindungen des russischen Volkes, deren Soldaten er beim Abzug aus unserem Land einen Abschied zweiter Klasse zumutet. Boris Jelzin hat, noch vor dem geplanten Treffen mit dem Kanzler, den neuen Wilhelminismus am Rhein auf seine Art beantwortet: "Rußland muß man stets mit Sie anreden!"

Hinter den Streitigkeiten um protokollarisches Zeremoniell verbirgt sich ein unausgetragener Konflikt über die Einordnung des Zweiten Weltkrieges in unser Geschichtsbild. Für die einen - allen voran Richard von Weizsäcker - gilt der 8. Mai 1945, der Tag der deutschen Kapitulation, als Tag der Befreiung von der Tyrannei. Für die anderen ist er zuvörderst ein Tag der Niederlage, des Zusammenbruchs, der nationalen Katastro- "~" phe. Ein Konsens ist noch nicht gefunden, wie sollte er auch, wo sich der Bundestag noch nicht einmal über die Rehabilitierung der Deserteure einig werden kann. War der von Hitler Deutschland be- —>——i gonnene Krieg verbrecherisch und völkerrechtswidrig, so müßte doch das Urteil über jene Soldaten, die zum Beispiel vor fünfzig Jahren an der Invasionsfront übergelaufen sind, einhellig sein.

Aber auch bei den westlichen Siegermächten ist der Hang verbreitet, Zeitgeschichte zu klittern. Allgemein wird der D Day, jener 6. Juni 1944, an dem hunderttausend alliierte Soldaten an der Küste der Normandie landeten, als "Tag der Befreiung Europas" bezeichnet. Unbesehen ist dieser Ausdruck hierzulande übernommen worden, so daß es erst recht seltsam anmutet, wenn der deutsche Bundeskanzler bei den Feierlichkeiten, wohlgemerkt eine Woche vor der Europawahl, nicht an der Seite seiner Freunde stehen darf.

Nicht nur die Deutschen, auch die Russen, die einstigen Kriegsverbündeten, wurden einer Einladung nicht für würdig befunden. Mußte wirklich erst Jelzin den einstigen Alliierten und uns Deutschen ins Gedächtnis rufen, wer damals im Kampf gegen das Nazireich den höchsten Blutzoll entrichtet hat? Damit überhaupt alliierte Panzer durch Westeuropa brausen konnten, mußte erst die Rote Armee in den Schlachten bei Stalingrad, Kursk und in Weißrußland der Wehrmacht tödliche Schläge versetzen.

Es ist ein Rückfall in Gewohnheiten des Kalten Krieges, den Siegesanteil der Sowjetunion, auf den Generaloberst Burlakow, der Oberbefehlshaber der russischen Westgruppe in der ehemaligen DDR, jetzt so vehement besteht, einfach unter den Tisch zu jubeln. Insofern moniert der amerikanische Politiker und Publizist Zbigniew Brzezinski zu Recht, der Ausschluß der Deutschen und Russen von der Freundschaftsfete sei unzeitgemäß, wo doch der Westen im Verein mit Deutschland gerade eine "Partnerschaft im Frieden" mit Rußland anstrebt.

Dennoch haben wir Deutschen an den normannischen Stranden nichts verloren, wenn die Veteranen der Sieger dort die Gräber ihrer gefallenen Kameraden aufsuchen und eine Million Menschen das Spektakel des Siegesjubiläums mitfeiern. Wir sind dort genau so fehl am Platze, wie nächstes Jahr bei der Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers Auschwitz. Ohnehin haben sich 194445 beklagenswert wenige Deutsche befreit gefühlt. Im Osten ging das Ende einher mit Flucht, Vertreibung, Brandschatzung, Massenvergewaltigung und Zwangsverschleppung. Und im Westen traten Amerikaner, Engländer und Franzosen zunächst nicht als Befreier, sondern als Rächer und Richter auf. Gejubelt haben nur die Insassen der Konzentrationslager und der Gestapogefängnisse. Ihnen war es egal, ob sie von Amerikanern oder Russen vor dem Tod bewahrt wurden.