Von Jürgen Krönig

London

Die Agonie der Tories dauert an. Ihre Niederlage bei den Kommunalwahlen kommt einer Katastrophe gleich. Niemals zuvor erlitten die Konservativen ein solches Debakel; ihr nationaler Stimmenanteil schrumpfte auf 27 Prozent. Sie fielen damit auf den dritten Rang hinter Labour und Liberaldemokraten zurück.

Die britischen Wähler sind unversöhnlich. Sie ignorieren die positiven ökonomischen Daten und scheinen nur noch von dem Wunsch beseelt zu sein, die Regierung mit dem Stimmzettel zu strafen – für Mißwirtschaft, Steuerlüge und Arroganz der Macht. Fünfzehn Jahre konservativer Herrschaft sind genug, es ist Zeit für einen Wechsel – dieses Gefühl ist unter Großbritanniens Wählern übermächtig geworden. Für die Europawahlen im Juni ein böses Omen für die Konservativen. Ihnen könnte ein Desaster drohen wie unlängst ihrer kanadischen Schwesterpartei.

John Major steht mit dem Rücken zur Wand. Im Endkampf entwickelt der Premier beinah heroische Züge. Sollen seine innerparteilichen Gegner ihn doch herausfordern und eine Wahl zum Parteiführer erzwingen, er wird bis zum Schluß kämpfen. Dem Regierungschef verbleiben noch fünf Wochen Galgenfrist; die Europawahlen will seine Partei noch abwarten. Nur ein paar ungeduldige Außenseiter rufen schon jetzt nach seinem Rücktritt. Ansonsten üben sich die Tories mit zusammengebissenen Zähnen in pflichtschuldiger Solidarität.

Doch hinter der trügerischen Fassade der Einheit tobt eine neue Etappe des innerparteilichen Bürgerkrieges; die möglichen Nachfolger werfen sich in Positur. Schatzkanzler Kenneth Clarke versucht, durch programmatische Reden verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Sein Staatsminister Michael Portillo, ein neokonservativer Jakobiner, prescht immer ungestümer nach vorn und schert sich nicht um Kabinettsdisziplin. Parteirechten und Europamüden empfiehlt sich Margaret Thatchers erklärter Kronprinz durch seine kompromißlose Absage an eine gemeinsame europäische Währung. Der derzeitige Favorit für John Majors Posten, Michael Heseltine, verharrt schweigend in staatsmännischer Pose; er genießt die Umfragen, die zeigen, daß allein mit ihm die Tories auf bessere Zeiten hoffen können.

Das Resultat der Kommunalwahlen belegt, welch gefährlichem Zangengriff die Tories ausgesetzt sind. In den Ballungsräumen, in Mittel- und in Nordengland, baute die Labourpartei ihre Positionen aus und vermochte, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Im Südwesten Englands sind die Liberaldemokraten, die ewig Hoffenden der britischen Politik, jetzt erstmals dabei, sich zu Lasten der Konservativen eine Hochburg zu verschaffen.