Über Geschichte und Gegenwart der Walser, jener vor Jahrhunderten aus dem Schweizer Kanton Wallis ausgewanderten Bergbauern, die in weiten Teilen der Alpen hochgelegene Gebirgstäler kultivierten, informiert ein vor kurzem erschienenes Weitwanderbuch. Es fordert den Leser auf, sich den Walserorten mit den Mitteln und auf den Wegen der Walser zu nähern. Der Große Walserweg, ein vom Europarat anerkannter Kulturweg, verbindet einen großen Teil der 150 Walsersiedlungen von Mittelberg im Kleinen Walsertal bis in den Schweizer Ort Zermatt. Er führt über Berge und hochgelegene Pässe und umgeht jene Talbereiche, in denen "die Anderen", Nichtwalser, wohnten und mit denen die Walser sich früher oftmals nicht einmal verständigen konnten.

Sprachbarrieren sind auf den 35 vorgeschlagenen und detailliert beschriebenen Etappen nicht mehr zu überwinden: Der altertümliche Walserdialekt wird heute nur noch von ganz wenigen sehr alten Menschen gesprochen. Längst herrscht die Talsprache, und die ist Schweizerdeutsch, zumindest auf dem größten Teil der Wanderstrecke. Auch haben die Walserorte inzwischen einen Teil ihrer Ursprünglichkeit und ihres Anmuts verloren. Während einige Siedlungen, vor allem auf der italienischen Seite, noch geradezu unverändert erscheinen, haben sich andere um so mehr den Anforderungen des Tourismus geöffnet. Vielerorts wurden hohe, menschenabweisende Bergmassive mit Seil- und Zahnradbahnen übersät und Talgründe zu asphaltierten Parkflächen gemacht.

Der Große Walserweg führt also nicht durch eine harmonisch einheitliche Kulturlandschaft, bietet nicht nur die Gegenwelt zum Alltag in den Großstädten, sondern eher ein Kontrastprogramm: Mal trifft der Wanderer auf die alte, dann wieder auf die moderne Welt. Wer Fernwanderwege wählt, sich der langsamsten Fortbewegungsart verpflichtet und damit die unzensierte Vielfältigkeit der Eindrücke zuläßt, nimmt auch unliebsame, quälende Begegnungen in Kauf – allein dadurch, daß er die traditionellen Direktverbindungen über Alm- und Bergwege mit dabei zermürbenden Auf- und Abstiegen einschlägt. Der Gedanke, daß die Walser hier früher ganz andere Gewichte hochgeschleppt haben, tröstet denjenigen kaum, der die Last des eigenen vollgepackten Rucksacks zu spüren bekommt.

Warum das alles? "Wollen wir die hochentwickelte Zivilisation der Walser verstehen", schreibt Autor Gert Trego, "so ist es unerläßlich, das Netz ihrer Kommunikationswege zu erforschen." Das Kennenlernen einer außergewöhnlichen Geschichte verlangt ebensolche Mittel und Wege. Und bedeutet umgekehrt, daß der, der mit dem Wagen "vorfährt", die Einheimischen und ihre berühmten Holzhäuser besichtigt und sich dann ebenso mühelos nach Hause zurückbegibt, sich eines entscheidenden Teils des Walsererlebnisses beraubt.

Das wird allen einleuchten, die aus eigener Erfahrung wissen, was es bedeutet, Rundfahrten Und "Spritztouren" zu den kulturgeschichtlich bedeutsamsten Orten gemacht zu haben, sich aber seltsamerweise an "nichts" mehr erinnern können. Insofern ist der Wanderführer des Großen Walserweges mehr als nützliches Accessoire für die Hosentasche derer, die den Kompaß schon in der anderen haben. Daß er sich auf einen anstrengenden Weg begibt, ahnt der Leser bereits beim Lesen der kulturgeschichtlichen Einführung. Wissen wird er es erst, wenn er sich tatsächlich aufmacht, sich dorthin begibt, in die Wanderstiefel steigt und losläuft.

Der Taschenführer "Der Große Walserweg" von Gert Trego ist beim Verlag der Weitwanderer, Oederstrasse 23, 26121 Oldenburg, 216 S., 28,80 DM, 1993 erschienen. Hier können auch (gegen 3,– DM Rückporto) weitergehende Informationen eingeholt werden. Einblick in die Welt der Walser gibt auch der Wanderführer "Unterwegs auf Walserpfaden" von Kurt Wanner, Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 1993; 288 S., 35,– DM.

Gerhard Fitzthum