Von Michael Thumann

Lord Owen hat Konkurrenz bekommen. Der EU-Vermittler im Balkankrieg war lange Zeit der bestgehaßte Mann in Sarajevo und Washington. Bosniaken und Amerikaner bezichtigten ihn, mit seinen endlosen Konferenzen serbischen Truppen die Flanke freizuhalten. Ähnliche Vorwürfe muß sich neuerdings Yasushi Akashi anhören, der UN-Sonderbeauftragte für das ehemalige Jugoslawien.

Eines hat die Amerikaner besonders erbost: Akashi warf ihnen vor, keine Bodentruppen nach Bosnien zu schicken. Nach der Mission in Somalia seien die Vereinigten Staaten "ängstlich und zögerlich" geworden, sagte er der New York Times. Das hörte man nicht gern in Washington, schon gar nicht von einem Japaner. Dessen Volk hält sich bei Friedensmissionen völlig zurück. Akashi sollte "nicht im Traum daran denken, uns zu kritisieren", erregte sich die amerikanische UN-Botschafterin Madeleine Albright über den Mann aus Fernost. Die bosnischen Muslime beben vor Wut, wenn sie seinen Namen nur hören. "Es ist eine Schande, daß Akashi nach Jugoslawien geschickt wurde, obwohl er keinen Schimmer von Bosnien hat", zürnt der bosnische UN-Botschafter in Genf, Mustafa Bijedić. "Er wirkt wie ein Fallschirmspringer, den man irrtümlich auf den Mond geschossen hat – ohne Erfahrung, Vorwissen und Fähigkeiten." Die Regierung in Sarajevo will mit Akashi nicht mehr zusammenarbeiten und fordert seinen Rücktritt.

Wie hat es der Japaner geschafft, in den knapp drei Monaten seiner Mission so viel Groll auf sich zu ziehen? Grund für das Mißtrauen ist Akashis jüngstes Tauschgeschäft mit den bosnischen Serben, das in Sarajevo so beschrieben wird: Die Serben erbaten für ein halbes Dutzend Panzer die Erlaubnis zur Fahrt durch die Zwanzigkilometerzone um Sarajevo; dort dürfen seit dem Nato-Ultimatum vom Februar keine schweren Waffen mehr stehen. Akashi war nicht kleinlich und erteilte die Genehmigung. Die Panzer rasselten los, um serbische Stellungen am Berg Igman zu verstärken. Dafür ließen die Serben rund 170 UN-Soldaten ziehen, die sie in der Nähe von Goražde festgehalten hatten. Die Freiheit mußten die Blauhelme zusätzlich mit Gewehrmunition an die Serben bezahlen.

Ein Beobachter in Sarajevo kommentierte deftig: Akashi und Kollegen wurden "erwischt, als sie gerade die Hosen runter hatten". Doch dem bosnischen Ministerpräsidenten Haris Silajdžić war nicht nach Scherzen zumute: Der UN-Sonderbeauftragte, tobte er, habe serbische Panzer passieren lassen, "damit sie eine weitere bosnische Stadt morden". Der Zorn der Bosniaken wäre nicht so groß, hätte sich der flinke Akashi nicht schon im April als der "große Verhinderer" von Nato-Luftangriffen hervorgetan, als die bosnischen Serben den Panzerring um Goražde zuzogen. Nach Ablauf des ersten Nato-Ultimatums hatten die Serben noch haufenweise Fahrzeuge und Geschütze in der Dreikilometerzone um die Stadt. Alles hing in dieser Nacht an der Entscheidung Akashis. Der aber verweigerte dem Nato-Kommandeur für Südeuropa die Erlaubnis zu bombardieren.

Am Telephon gab es danach einen lautstarken Streit zwischen Akashi und Nato-Generalsekretär Manfred Wörner. Der zähe Japaner scheute keine Konfrontation mit westlichen Mächtigen, solange er nur mit Serbenführer "Dr. Karadžić" konferieren durfte. Der gewiefte Psychiater führte ihn zwar – wie es so seine Art ist – mehrmals hinters Licht, indem er versprochene Waffenstillstände nicht einhielt. Aber schließlich beugte sich der Serbe dem Druck der Nato, und Akashi pries ihn sogleich als "Mann des Friedens".

Das Prinzip, keine Konfliktpartei zu dämonisieren, zeichnet die diplomatischen Drahtseilakte des UN-Gesandten aus. Der 63jährige ist dabei harsche Kritik gewöhnt. Mit Geifer Übergossen wurde er auch während seiner Mission in Kambodscha von März 1992 bis September 1993, als er Chef der UN-Übergangsverwaltung war. In dem vom jahrzehntelangen Krieg zerrütteten Land lavierte er zwischen den Roten Khmer und der von den vietnamesischen Kommunisten unterstützten Regierung hin und her. Die Roten Khmer brachen oft das Friedensabkommen, doch Akashi weigerte sich, sie mit militärischen Mitteln zur Räson bringen zu lassen. UN-Experten monierten damals, er habe mit seiner Zögerlichkeit die Khmer Rouge zu weiteren Provokationen ermuntert. Seine eigensinnigen Entscheidungen hätten dem Ansehen der Vereinten Nationen geschadet.