Dann und wann, auf dem Weg nach Hause und nach gehaltener Vorlesung vor seinen Wiener Studenten, hofft der Schweizer Architekt Justus Dahinden, Entwerfer der in seinem Berufskreis berühmten Dahinden Pyramide am Seegestade in Zürich, es möge doch in dreißig oder vierzig Jahren so sein, daß nur noch rostige Autos auf den Straßen verkehren. Rostig und neuwertig.

Rost kann wünschenswert sein, Rost kann schützen. Rost wird selten geliebt. Architekten, Baufirmen, Behörden und Gerichte geraten über Rost in Streit.

Damals, beim Entwerfen der Pyramide, da hatte Dahinden seine große Liebe zum Rost leben können. 1970 wurde das Bauwerk fertiggestellt; die metallurgische Firma Ferrolegeringar als Bauherrin bezog ihren Geschäftssitz in Rost, der sich wohltuend vom benachbarten Alusuisse Sitz in Aluminium abhob. Dahindens Pyramide war in der Schweiz die erste einer ganzen Reihe von Bauten, die in den siebziger Jahren weniger ihrer Form als vielmehr des für die Fassade verwendeten Materials wegen für Aufsehen sorgten: Die Verkleidungen bestanden aus WT Stahl, wetterfestem Baustahl. Dieser rostete. Doch für einmal war der Rost nicht das Zerstörerische und unerwünscht, sondern Schutz.

Amerikanische Stahlbauer hatten bereits vor fünfzig Jahren starkes Interesse an preisgünstigem und dennoch korrosionsbeständigem Baustahl gewonnen. Die US Steel Corporation entwickelte deshalb den sogenannten Cor Ten Stahl. Der enthält neben Kupfer in geringen Mengen von weniger als einem Prozent zusätzlich Mangan, Chrom, Nickel, Phosphor und Silizium. Unter Einfluß von Feuchtigkeit, Sauerstoff und aggressiven Gasen wie Schwefeldioxid bilden sich auf der Oberfläche des Stahls unlösliche Verbindungen. Diese lassen im Verlaufe von eineinhalb bis fünf Jahren eine Sperrschicht wachsen, eine beständige, korrosionshemmende Rostpatina. Ist die Sperrschicht beschädigt, heilt die Schadstelle von selbst. Rost schützt vor Rost.

Erst beschränkte sich die Anwendung auf den Bau von Schienen- und Straßenfahrzeugen. Nach zwanzigjährigen Langzeitprüfungen wagten die Ingenieure den Schritt, Cör Ten Stahl für den Hochbau zu verwenden.

Architekten hatten plötzlich ein Material in den Händen, das teuren Korrosionsschutz unnötig machte. Der Stahl mußte weder gestrichen, verzinkt noch betreut und repariert werden. Gegenüber atmosphärischer Bewitterung war er genauso unempfindlich wie Beton. Man sprach vom "Edelrost". Die Freie Universität Berlin errichtete ein Bauwerk, das der berüchtigte Volksmund sogleich "Rostlaube" nannte, die Thyssen AG verkleidete ein Institutsgebäude in Oberhausen mit Rost, und vor allem die Schweizer konstruierten kräftig drauflos: Winterthur baute die Gewerbliche Berufsschule, Ölten und Chur neue Kantonsschulen. In Thalwil entstand ein Güterbahnhof mit rostiger Verkleidung, in Rapperswil ein Technikum, in Vevey das Einkaufszentrum La Placette, Magglingen erweiterte seine Sportstätten. Und Dahindens Pyramide für die Metallurgiefirma heimste Beifall ein, Heute ist darin eine Privatklinik untergebracht. Hier werden Kranke in einem Bau gepflegt, der selbst Patient geworden ist.

Damit nämlich die Platten der Fassadenverkleidung den Patienten und Vorbeigehenden nicht auf den Kopf fallen, mußte das Gebäude vor kurzem saniert werden: Die Aufhängungen der Stahlplatten waren durchgerostet. Die einstige Bauherrin, die Ferrolegeringar, ist weggezogen, und der Sprecher der Firma, froh darüber, den hautkranken Firmenpalast losgeworden zu sein, jammert noch heute: "Die Pyramide, das ist für uns ein einziges trübes Kapitel "

Der Trend, rostig zu bauen, hätte angehalten, wären Ende der siebziger Jahre die Meldungen über Rostlöcher, über Bleche, die sich selbständig machten, über Verformungen tragender Teile nicht so zahlreich geworden. Doch allenthalben machte der Fraß nicht vorschriftsmäßig nach fünf Jahren halt, sondern marschierte weiter ins Innere der Bauwerke, sie bedenklich schwächend. Schweizer Schülern, in den neuartigen Schulgebäuden unterrichtet, tropfte Rostwasser auf Hemden und Hefte.

In den Neunzigern wird saniert.

Die Gewerbliche Berufsschule in der Schweizer Kleinstadt Winterthur ist einem Bau des Finnen Eero Saarinen in den USA nachempfunden - dem allerersten Hochbau in Rost. Doch die Löcher in der Fassade waren genausowenig Teil der Planung wie das gegenwärtige Outfit während der Renovierung, die bis Ende dieses Jahres dauern soll: Hier die durchgerosteten Platten und Fensterprofile, da das beständigere Aluminium. Die Bevölkerung sucht bereits einen neuen Namen für den ungeliebten "Rosthaufen", den niemand Berufsschule nennen mag.

Ist der wetterfeste Baustahl tot? Nicht überall und schon gar nicht für alle Zeiten.

Mitten in den Wäldern des Northern Saratoga County im Staate New York wurde vor zwei Jahren ein Wohnhaus errichtet, dessen Fassade ganz aus rostigem Stahl besteht und das daher auf den ersten Blick wie ein ausrangiertes Kriegsschiff erscheint - weit ab vom Ozean. Und von zehn neuen kanadischen Brücken aus Stahl sind neun aus wetterfestem gebaut.

Doch Europa ist für Cor Ten Stahl aus den USA ganz einfach zu naß. Bei einem Wechsel von kurzen Naßperioden mit Trockenphasen entsteht die schützende Deckschicht am wirkungsvollsten. Bleibt das Material indes unausgesetzt feucht, dann bringen die Legierungselemente keinerlei Vorteile; der Stahl korrodiert genauso rasch wie der unlegierte. Fallen überdies viel Schwefeldioxid und Chlorid an, rostet WT Stahl schneller als unlegierter Baustahl, wie Versuche in Südafrika gezeigt haben.

Nach Einführung der Richtlinie 007 des Deutschen Ausschusses für Stahlbau (DASt) im Jahre 1979 bedurfte die Verwendung von WT Stahl hierzulande der "Zustimmung im Einzelfall". In der überarbeiteten Fassung vom Mai 1993 wird diese indessen erstmals nicht mehr gefordert: Man weiß heute mehr über geeignete Legierungen und bauliche Regeln. Wo Bauten nicht näher als 500 Meter vom Meer errichtet werden, wo Oberflächen statt einer Dauerbefeuchtung dem natürlichen Witterungswechsel ausgesetzt sind, nicht horizontal montiert sind und die Bleche eine Mindestdicke von fünf Millimetern aufweisen dort funktioniert das Prinzip auch im Hochbau. Nur machen diese fünf Millimeter manche Fassade untragbar, des Gewichts wegen.

Auf dem Gelände des Dortmunder Stahlwerks Dornen liegen zwei Brückenträger, die da nicht liegen sollten.

55 Meter sind sie lang, rostbraun; sie bestehen aus wetterfestem Baustahl WT St 52 3, und seit 23. Januar dieses Jahres sollten sie, wäre alles planmäßig verlaufen, im Zuge der B 474 eingebaut sein, als Teil des Bauwerks 19 über den Datteln Hamm Kanal in Waltrop. Doch das Oberverwaltungsgericht Münster bremste für diesmal den Vormarsch des Rosts, weil es eine "hinreichende Abwägung zwischen Bedarf der Straße auf der einen und Natur- und Landschaftsschutz auf der anderen Seite" vermißte. Die darniederliegenden Träger, unschuldig am Entscheid, werden demnächst auf dem unbenutzten Fleck eines nahen Autobahndreiecks von ihrem Besitzer, dem Landschaftsverband Westfalen Lippe, zwischengelagert und vielleicht dereinst anderswo eine tragende Funktion erhalten j Bei der Herstellern! ist der Ärger darüber verflogen. Das Stahlwerk Dornen zählt auch weiterhin auf den Rost. Geschäftsführer Hogel ("Ich bin ein alter Stahlbauer") zieht den Taschenrechner aus der Schublade und demonstriert dem Besucher die Wirtschaftlichkeit: WT Stähl kostet hundert Mark pro Tonne mehr, teurer ist auch das Schweißen (plus vierzig Mark), plus sieben Prozent Abrostungsgrad, aber dafür spare ich pro Tonne 540 Mark fürs Streichen. Also ist WT Stahl billiger.

Das Problem sei das Image. So brächte die Deutsche Bahn, sagt der Dortmunder Uniprofessor Manfred Fischer, dem WT Stahl zwar keine "begründete Ablehnung" mehr entgegen, doch zu einem Eisenbahnbrückenbau hat sie sich nicht entschließen können "Wir hoffen auf Professor Fischer", ist bei den Stahlbauern von Dornen zu hören. Und WT Stahl Fan Fischer, überzeugt, "daß die Anwendung wetterfester Baustähle volkswirtschaftlichen Nutzen bringt", ist eifrig bemüht, das korrodierte Image blankzuputzen. In einer Dokumentation der Studiengesellschaft Stahlanwendung hält er fest: "Der wetterfeste Baustahl ist ein umweltfreundlicher Baustoff. Er benötigt keine Beschichtung und ist voll recyclierbar. Was die Umweltfreundlichkeit ( ) betrifft, besteht er den Vergleich mit beschichtetem Stahl in hervorragender Weise "

Weit über hundert Brücken aus WT Stahl stehen irrt deutschen Land. Nur zu erkennen sind sie nicht überall. IDäsTiefbaüamt der Stadt Dortmund bedachte beim Bau der 1993 fertiggestellten Brücke Hostedder Straße Derner Kreisel, daß es der Zugfahrleitungen wegen schwierig sein würde, die Unterseite zu streichen, und entschied sich daher für wetterfesten Stahl. An der Seite aber, wo der Blick der Menschen hingelangt, ließ sie den Stahl capri blau überspritzen.

In der Publikumsgunst haben die rostigen Fassaden seit den Pleiten der siebziger Jahre versagt. Nur ein paar träumen noch. Pyramidenbauer Justus Dahinden zum Beispiel. Rost ist das Resultat natürlicher Alterung. Dem rostliebenden Dahinden ist Aluminium "zu künstlich", "zu akademisch". Daß bereits mehrere Autofirmen an verbessertem wetterfestem Stahl tüfteln, wie er sagt, stimmt ihn hoffnungsvoll. Cor Ten sei damals halt nicht die richtige Legierung gewesen.

Das Ziel bleibe, ein Material zu schaffen, das keiner Behandlung mehr bedarf. Eisen, das altern darf. Wie eine Skulptur. Eisen, das Anrecht hat auf eine gute Patina. Wie der Mensch.