Von Robin DetjeIn Deutschland ist political correctness das schönste neue Modewort: Peter Gauweiler benutzt es, wenn er in der ZEIT die Gegner von Franz Josef Strauß sei. schimpfen will; Botho Strauß nennt "politische Korrektheit" im Spiegel eine Form "gesellschaftlichen Zerfalls".

In San Francisco, weit von Deutschland, gibt es seit etwas über einem halben Jahr ein neues Kulturzentrum, das Yerba Buena Gardens Center for the Arts an der Mission Street. Die Straße führt aus dem Financial District der Stadt in die Mission, ein von Latinos und Chicanos bewohntes Viertel, in das die Polizei, wenn ein Notruf eingeht, nicht einen, sondern gleich fünf oder sechs Streifenwagen schickt.

Das Yerba Buena Gardens Center umgibt sich zwischen der 3rd und 4th Street noch zufrieden mit den Hochhäusern der Banken, Versicherungen und Hotels im Nordwesten, aber schon einen Block weiter nach Süden oder Osten wird es – für alle, die nach Behaglichkeit suchen – unbehaglich. Ein Grundstück auf der Grenze.

Kommt der Besucher aus Deutschland mit dem Bus aus dem Süden der Stadt, mit dem 14er zum Beispiel, der die ganze Mission Street auf- und abfährt, ist er sehr wahrscheinlich für die meiste Zeit seiner Reise der einzige Weiße unter lauter African Americans, Asian Americans und Hispanics. Natürlich hat der Reisende daheim gelernt, daß Fremdenfeindlichkeit biologische Ursachen hat und jeder wegen seiner Gene nur eine bestimmte Zahl von Menschen fremder Ethnien ertragen kann. Etwas muß der Besucher aus Deutschland in diesem Bus aufgeben – entweder die Theorie oder seine Gene: Hier mischen sich die Kulturen mit großer Lässigkeit und jahrzehntelanger Übung. Als wollten alle verschiedenfarbigen Mitfahrer dem Reisenden zeigen, daß sie schon friedlich miteinander gelebt haben, bevor er geboren wurde und darüber nachdenken konnte, ob Menschen friedlich miteinander leben können. Während der Reisende noch nachdenkt, bietet man ihm schon einen Platz an.

Im Yerba Buena Gardens Center sollen, so lautet der Auftrag des Bauherrn, der Stadt San Francisco, Grenzen aufgesucht werden, auf 55 000 Quadratfuß Kunstausstellungsfläche, in einem Theater mit 755 Plätzen und einem zweiten, variablen für bis zu 350 Zuschauer, in zwei Cafés und einem Park, auf dessen Rasen im Freilicht-Aufführungsfall 3000 Menschen sitzen können. Für vierzig Millionen Dollar von der Stadt gebaut und zehn Jahre lang mit Mitteln für Sicherheit und Instandhaltung ausgestattet; alles gewidmet der Förderung von "kulturell verschiedenartiger" Kunst. Dem multiculturalism. Im Park rauscht ein Wasserfall, hinter den fallenden Wassern kann man sich in die Worte Martin Luther Kings versenken. Und im Theater treten San Franciscos schwuler Männerchor auf, die "Filipino Cultural Explosion" und ein philharmonisches Orchester nur aus Frauen, mit einem Tribut an lateinamerikanische Komponisten.

Dies, denkt der Besucher aus Deutschland, ist sicher nichts weiter als eine öffentlich geförderte Brutstätte für politisch korrekte Kunst, Teil der PC-Seuche, hervorgerufen vom PC-Virus, der fortgeschrittenen und unheilbaren Tugendterror auslöst, ein hysterisches Verlangen nach lächerlichen Verboten und Sprachregelungen.

Tatsächlich springt Baraka Sele, die Leiterin der hauseigenen Theater, dem Besucher bei Erwähnung des Begriffs political correctness sofort ins Gesicht. Entschuldigt sich aber gleich für ihre Heftigkeit.