Noch können die Gentechniker das Erbgut nicht so gezielt und dauerhaft manipulieren, wie sich manche das in kühnen Träumen vorstellen. Wenn eine gentechnische "Reparatur" überhaupt gelingt, kommt sie bislang nur dem behandelten Patienten zugute. Eine Weitergabe an die Nachkommen ist nicht möglich. Dazu müßten die Wissenschaftler das menschliche Genom in Ei- und Samenzellen verändern. Eingriffe in die Keimbahn sind allerdings noch weltweit tabuisiert. Doch nun gerät das Tabu ins Wanken.

Da gibt es zum einen eine neue Patentierungsrichtlinie, die der Ministerrat der Europäischen Union vorgelegt hat. Danach sollen künftig alle "isolierten" Gene und Genbestandteile von Pflanzen, Tieren und Menschen als geistiges Eigentum geschützt werden können. Von einigen Parlamentariern kommt gar der Vorschlag, daß auch gentechnische Veränderungen menschlicher Körper- und Samenzellen schützenswerte Erfindungen sein sollen, sofern sie außerhalb des Körpers vorgenommen werden. Dem Europäischen Patentamt in München (EPA) liegt inzwischen eine Patentanmeldung für ein Verfahren vor, das Eingriffe in die Keimbahn von Tieren erlaubt, wobei sich das Verfahren auch dann eigne, "wenn das besagte Tier ein Mensch ist", wie die Antragsteller schreiben (siehe ZEIT Nr. 19). Da Lizenzrechte viel Geld einbringen, haben Ralph Brinster und James Zimmermann aus Philadelphia ihr Verfahren auch in den USA, in Kanada, Australien und Japan zum Patent angemeldet.

Würde das europäische Patent erteilt, dürfte das Verfahren der amerikanischen Genforscher in den europäischen Staaten angewandt werden, in denen die Keimbahntherapie nicht gesetzlich verboten ist. Solche Regelungen, wie das bundesdeutsche Embryonenschutzgesetz, gibt es bislang nur in wenigen Ländern. Jetzt ist allerdings ein einheitlicher europäischer Standard, der zumindest die ethische Orientierung regelt, in Vorbereitung. Der Europarat legte am Mittwoch vergangener Woche den Entwurf einer Bioethik-Konvention vor, die vom Bonner Institut für Wissenschaft und Ethik präsentiert wurde. Diese Konvention will vieles erlauben, was bisher verboten war: Die Forschung an In-vitro-Embryonen soll bis zum vierzehnten Tag möglich sein. Auch das "genetische Screening", das nach erbgutbedingten Krankheitsveranlagungen sucht, soll erlaubt werden. Die Keimbahntherapie soll verboten werden – vorerst. Allerdings müsse die Entscheidung "in einigen Jahren im Lichte der biomedizinischen Entwicklungen überdacht werden". Die Formulierung läßt den Gentechnikern alle Möglichkeiten offen: Sobald sie in der Lage sind, Gene gezielt einzubauen, könnte auch die Keimbahntherapie erlaubt werden.

Das EPA, das den Antrag von Brinster und Zimmermann patentrechtlich prüfen muß, steht vor einer schwierigen Entscheidung. Es muß darüber befinden, ob das Verfahren neu ist, eine erfinderische Leistung darstellt und ob es nützlich ist. Und es muß die ethisch brisante Frage klären, ob es gegen die "guten Sitten" verstößt.

Ist das EPA dafür gerüstet? Fragen an Christian Gugerell, Direktor am Europäischen Patentamt.

ZEIT: Der Stolperstein für das Philadelphia-Verfahren ist der mögliche Verstoß gegen "die guten Sitten". Gibt es weitere Hürden?

Gugerell: Ja. Es gibt einen Artikel, der unter anderem besagt, daß therapeutische Verfahren am menschlichen oder tierischen Körper vom Patentschutz ausgeschlossen sind. Dieser Artikel wird in diesem Fall wohl eine Rolle spielen, weil der Anspruch so gefaßt ist, daß er eine therapeutische Behandlung umfaßt. Die zweite, die ethische Frage ist noch vollkommen offen. Wir haben noch längst keine abschließende Meinung dazu. Ich persönlich glaube aber, daß die Keimbahntherapie nicht patentiert werden soll.