BERLIN. – Ein Maisonntag mit hohem blauen Himmel. Berlin, verwandelt zur blühenden Stadt, bei leichter Brise. Die türkischen Großfamilien hatten sich früh aufgemacht, um die Grillplätze im Spreebogen zu besetzen. Die Holzkohlenfeuer im künftigen Regierungsviertel wurden angefacht. Ein großes Polizeiaufgebot für den 25-Kilometer-Lauf, den ein Mann aus Kenia gewann; ein kleineres Polizeiaufgebot am Ehrenmal der sowjetischen Armee, an der Straße des 17. Juni, am Reichstag. Ein paar hundert Zuschauer, eine kleine Offiziersgruppe der Westalliierten, russische Offiziere im Gespräch.

Die T-34 Panzer des Denkmals waren frisch lackiert und die Beete mit gelben Veilchen besetzt. Endgrund Busse fahren vor. Soldaten steigen aus, ordnen sich zur Ehrenkompanie und marschieren vorbei. Die Blaskapelle erscheint. Wieder ein Schub russischer Offiziere. Die Rangabzeichen steigen. Mehr Gold, mehr Ehrendolche. Passanten bringen rote Nelken. Auch die heranfahrenden amerikanischen, englischen und französischen Militärs entsteigen mit roten Nelken. Die werden verteilt, wieder in einer Hand versammelt, um wieder verteilt zu werden. Ein einsamer Oberst der Bundeswehr plaudert mit seinem amerikanischen Kollegen.

Nun beginnt die Ehrenkompanie zu üben. Die Degen blitzen. Die Kapelle stellt sich auf. Die schlendernden Offiziere, die fürs Protokoll verantwortlich sind, werden etwas nervöser. Eine Gruppe von Kadetten mit sechs Kränzen – die Farben Blau-Weiß-Rot – nimmt Aufstellung. In der nächsten halben Stunde wird die Reihenfolge ständig verändert. Dezent werden sie an bestimmte Schritte und Haltungen erinnert. Aus dem Tiergarten kommen immer mehr Passanten, das multikulturelle Berlin, das Berlin der Radfahrer und Kinder. Die Polizei macht darauf aufmerksam, daß die Straße des 17. Juni immer noch Durchgangsstraße ist. Und dann ein kurzer Ruck: Die "Taiga"-Limousine des Oberkommandierenden der russischen Westgruppe, Matwej Burlakow, fährt vor. Der Botschafter und Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche folgen. Die Kranzträger marschieren im Stechschritt los. Dem Troß um Burlakow will sich das Berliner Volk anschließen. Ein Moment bunter Irritation. Eine Kette von russischen Offizieren trennt Volk und Troß: Verlegenheit und Zurückhaltung auf beiden Seiten.

Nun gleitet die Ehrenkompanie in ihrer Stechschritt-Automatik vorbei. Die Kapelle intoniert die russische und die deutsche Nationalhymne und verschwindet mit klingendem Spiel unter den Bäumen des Tiergartens. Noch ein Gruppenphoto unter dem bronzenen Sowjetsoldaten, dessen linke Hand in einer diffusen sowohl schützenden als auch resignierenden Geste in den blauen Himmel ragt. Die russischen Kinder und Ehefrauen im Sonntagsstaat filmen. General Burlakow ruft den Photographen noch etwas zu, bevor er in seine Limousine steigt. Eine Zeitung will einen Berliner bemerkt haben, der klatschte. Zurück bleiben die Grillschwaden aus dem Tiergarten bei verklingenden Sirenen der Polizeifahrzeuge.

Warum das erzählt wird? Es war die Zeremonie des 8. Mai. Der "Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus". Oder ziehen wir andere Formeln vor? Bestehen wir auf der Niederlage? Es war – vor allem – das letzte Mal, der letzte Auftritt der russischen, ehemals Roten Armee am Ehrenmal. Gewiß, die zivile Stimmung war angenehm. Das militärische Zeremoniell geriet beinahe zur nostalgischen Geste. Und dennoch war es ein historisches Ereignis. Aber diesem Ereignis fehlte etwas, was die Passanten aus dem Tiergarten nicht wettmachen konnten: Es fehlte die Hauptstadt. Die Berliner Senatoren glänzten durch Abwesenheit.

Die Frage der Verabschiedung der Roten Armee kommt nicht zur Ruhe. Die SPD-Spitzenkandidaten in Ostdeutschland haben jetzt erklärt: "Wir halten die gesonderte und zweitrangige Verabschiedung der Roten Armee für unangemessen, ja für demütigend." Bezeichnend ist, daß es ausschließlich ostdeutsche SPD-Politiker sind, die an die gesamtdeutsche Erbschaft erinnern. Sie fordern, "den Stolz und die Würde der ehemaligen Siegermacht" nicht zu verletzen.

Aber die Verletzungen sind schon geschehen, seitdem die Abschlußzeremonie zur Chefsache in Bonn erklärt wurde. Was nützt ein politischer Historikerstreit um die Verabschiedung, wenn nur mit Erklärungen gestritten wird? Außerdem steht nicht nur die Würde der ehemaligen Siegermacht auf dem Spiel, sondern auch die Würde der Deutschen.

Dieser 8. Mai bot den politisch Verantwortlichen Berlins zum letzten, zum einzigen Mal die Chance, im aufrechten Gang an einem historischen Ereignis teilzuhaben. Ihre Anwesenheit hätte diesen 8. Mai als Tag der Befreiung gedeutet. Aber es blieb die letzte Siegesfeier. Unterlegene brauchen sich dazu nicht geladen zu fühlen.