ZEIT: Die Palästinenser haben ein hohes Maß an ökonomischer Selbständigkeit erhalten, die es ihnen ermöglicht, künftig einen eigenen wirtschaftlichen Weg einzuschlagen. Was erwarten Sie von Europa?

Awartani: Die Europäer haben in der Vergangenheit viel für uns getan, vor allem im Sozial- und Erziehungswesen. Doch die Dinge haben sich jetzt verändert, politisch und wirtschaftlich. Jetzt geht es vor allem um wirtschaftliche Projekte. Allerdings glaube ich nicht, daß die EU die geeignete europäische Instanz ist, die den Palästinensern wirklich zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verhelfen kann. Es ist vielmehr die europäische Geschäftswelt, Banken und Industriefirmen, die die Entwicklung stimulieren könnten. Wir heißen jede europäische Bank willkommen. Denn die jordanischen Banken, die hier in Zukunft Filialen eröffnen werden, sind nicht sehr modern und nicht sehr wettbewerbsfähig. Sie werden nicht die notwendige Palette an Bankdiensten anbieten können. Wir brauchen direkte Kontakte mit den Europäern, vor allem Joint-ventures.

ZEIT: Gibt es bereits Kontakte?

Awartani: Es hat immer Kontakte gegeben, aber nur auf ganz niedriger Ebene. In der Vergangenheit haben wir zum Beispiel Zitrusfrüchte exportiert, vor allem nach Frankreich, aber da gab es immer viele Probleme. Investiert wurde nicht, denn wir lebten in besetzten Gebieten, alles lief über Israel. Exporte und Importe werden von nun an leichter sein, weil sie auf direkter Ebene stattfinden dürfen. Sie dürfen nicht vergessen, daß wir unser Land erst einmal von Null aufbauen müssen; an Geld mangelt es nicht.

Deutsche Firmen könnten in Zukunft an der palästinensischen Textilindustrie interessiert sein. Siebzig Prozent unserer Nähmaschinen sind derzeit japanisch, rund dreißig Prozent deutsch. Wir haben mindestens 20 000 Nähmaschinen im West-, jordanland und mehr als 10 000 im Gazastreifen. Auch für unsere Schuhindustrie brauchen wir Kontakte für die Herstellung und für die Endprodukte. Im Augenblick beliefern wir fünfzig bis sechzig Prozent des israelischen Marktes und hoffen auf gute Verbindungen auch nach Europa. Allerdings liegt die Zukunft der palästinensischen Wirtschaft nicht in der Industrie, auch nicht in der Landwirtschaft, sondern vor allem im Tourismus. Die Europäer können dabei Partner sein. Sie haben die technische Expertise, das Geld und die Touristen, die sie herschicken können.

ZEIT: Die Weltbank hat vorige Woche ein Soforthilfeprogramm für den Wiederaufbau der palästinensischen Wirtschaft und der Selbstverwaltungsorgane in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar zugesagt. Der zweite Teilbetrag in gleicher Höhe soll erst im vierten oder fünften Jahr fließen. Welche Aufgaben sind am dringlichsten?

Awartani: Wir müssen Infrastrukturen aufbauen, Straßen, Schulen, Telekommunikation und vor allem Häuser. Wir haben ein riesiges Wohnungsproblem. Der Bausektor, mit allem, was dazugehört, bietet eine immense Chance für Investoren. Für die nächsten sieben Jahre sind 157 000 Wohnungseinheiten geplant, vor allem im Gazastreifen. Die Kosten werden auf fünf Milliarden Dollar geschätzt. Dann gibt es Projekte für einen Meereshafen in Gaza und Flughäfen.