Von Hans Christoph Buch

Stellen Sie sich vor, Scott und Amundsen hätten ihren Wettlauf zum Südpol nicht mit Hundeschlitten und Skiern, sondern barfuß, in Badehosen angetreten. So ähnlich kam ich mir vor, als ich Anfang Januar, in Turnschuhen und Shorts, an Bord des Eisbrechers ging, der mich von Buenos Aires in die Antarktis befördern sollte; in Argentinien war Hochsommer, und beim Umsteigen in London war der Koffer mit meiner Polarausrüstung am Flughafen Heathrow zurückgeblieben. "Das brauchst du aber", hatte die Verkäuferin im Berliner Expeditionsshop, deren sportliche Bräune direkt aus dem Ozonloch zu stammen schien, zu mir gesagt, während sie die Antarktis-Kollektion auf dem Ladentisch ausbreitete. In diesem Geschäft war alles aus Fleece, zu deutsch Faserpelz, und jeder Artikel kostete 239 Mark; nur das Du war umsonst.

Anstatt dampfender Eisberge sah ich einen dämmrigen Schiffskorridor vor mir, in dem der Quartiermeister mir eine spartanisch eingerichtete Kabine zuwies: camarote 0310. Der Seesack auf der oberen Bettkoje gehörte Bruno, einem Architekten aus Buenos Aires, der jeden Sommer in die Antarktis fährt. Er baut dort Fertighäuser, die nach ein paar Jahren, wie Ziehharmonikas verformt, im Eis verschwinden oder mit einem kalbenden Gletscher im Meer versinken. Trotz seiner Proteste wurde Urs, der mich begleitende Schweizer Tauchphotograph, der sich zwischen Walen wohler fühlt als unter Menschen, in einer Mannschaftskabine mit sechzehn argentinischen Matrosen einquartiert. Wir rückten zusammen und räumten ihm einen Schlafplatz in unserer Kabine ein. Urs revanchierte sich, indem er meinen aus London eingeflogenen Koffer an Bord brachte – buchstäblich in letzter Minute.

Die Almirante Irizar, so benannt nach einem mutigen Marineoffizier, der 1903 die Schiffbrüchigen der im Packeis gestrandeten Nordenskjöld-Expedition rettete, wurde 1978 auf der Wärtsila-Werft in Helsinki erbaut. Das Schiff ist 120 Meter lang und hat hundert Tonnen Lebensmittel und 233 Mann Besatzung an Bord (ohne Passagiere), die auf fünf Decks in 75 Kabinen untergebracht sind. Zum Löschen der Ladung stehen zwei Kräne mit einer Nutzlast von jeweils sechzehn Tonnen und ein Hubschrauberlandeplatz mit Hangar für zwei Helikopter zur Verfügung. Es gibt acht Offiziersmessen, ein ozeanographisches Labor, eine meteorologische Station, die Tiefdruckgebiete und Eisdrift mit computergesteuertem Radar registriert, ein Hospital mit Operationssaal, außerdem Großküche, Bäckerei, Wäscherei, Fitneßzentrum mit Sauna, Friseursalon und Bibliothek an Bord, und die Kommandobrücke ist per Radio, Satellit, Telex und Fax mit der Außenwelt verbunden.

Die militärische Hierarchie an Bord war ein Spiegelbild der argentinischen Gesellschaft. Bei unteren Dienstgraden, cabos und subcabos, Matrosen und Unteroffizieren, herrschten dunklere Hautfarben und indianische Gesichtszüge vor, während die höheren Ränge europäischer Abstammung waren. Als Gast des Marineministeriums hatte man mich in der obersten Etage eingestuft, eine Ehre, die außer mir keinem der Passagiere zuteil wurde. Ich durfte am Kapitänstisch speisen, im comedor de los comandantes, denn wir hatten nicht nur einen, sondern ein halbes Dutzend Kapitäne an Bord, die sich mit den Kommandeuren von Heer und Luftwaffe mittags und abends zu einem ausgedehnten Gelage versammelten, dem sogenannten Olymp, wo der Rotwein in Strömen floß und zum Nachtisch stets Götterspeise gereicht wurde.

Wie ich von einem mitreisenden Meeresbiologen erfuhr, wird die giftgrüne Gelatine heute nicht mehr aus Schweineknochen, sondern aus Makroalgen hergestellt, die er auf Reisen stets in der Minibar seines Hotelzimmers deponiert. Hinter seiner ständig wiederholten Frage: "How big is your minibar?" stand also kein Whisky-, sondern Wissensdurst. Außer dem Algenexperten, der mit seiner neuseeländischen Assistentin vierhändig auf dem Computer spielte, war ein deutscher Ornithologe an Bord, dessen blonde Freundin durch Sonnenbäder auf Deck das Augenmerk der Götter im Olymp auf sich zog. Jedesmal; wenn das diesbezügliche Gespräch die Grenzen des Anstand; überschritt, warf General Leal, der Senior der argentinischen Antarktisforschung, der beim Essen den Vorsitz innehatte, seine Serviette als Fehdehandschuh auf den Tisch, um seine Untergebenen zur Ordnung zu rufen.

Wir hatten Punta del Este links und Mar del Plata rechts liegengelassen. Der Südatlantik war subtropisch warm; statt eines blasenden Wals tauchte ein Hammerhai aus den Wellen auf, und an Stelle von Albatrossen wehte der Wind Wolken von Mistkäfern auf Deck, deren Chitinpanzer bei jedem Schritt unter den Schuhsohlen knackten. Am nächsten Morgen roch es penetrant nach Rasierwasser; das Schiff hatte vor einer Ölraffinerie angelegt, auf deren Pipeline Kormorane saßen, und die Matrosen warfen sich in Schale, um am Hafen von Ingeniero White auf Brautschau zu gehen.