Von Alexander Gschwind

Madrid

Ihre Auftritte erleben die Spanier bald jeden Tag am Fernsehschirm: Prominentengattinnen erscheinen vor einem Untersuchungsrichter, um die Unschuld ihrer Ehemänner zu beteuern. Schön und elegant sind sie alle, die verweinten Augen verbergen sie hinter Sonnenbrillen. Aber ein paar Tränen und Schluchzer bieten sie den Photographen und Kameramännern jedesmal.

Die rührendste Vorstellung gelang bisher Bianca Rodriguez Porto. Sie meldete sich bei einem Madrider Gericht, um ihren Angetrauten Luis Roldan zu entschuldigen. Spaniens derzeit meistgesuchter Mann war bereits zum zweiten Mal vorgeladen, um endlich seinen Reisepaß auszuhändigen und sich Anklagen wegen Unterschlagung, Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung eröffnen zu lassen. Doch der Arme, so beteuerte seine Frau, liege mit schwerster Depression darnieder. Den Aufenthaltsort ihres Gatten konnte – oder wollte – sie nicht nennen: Er brauche jetzt absolute Ruhe.

Da war der feine Herr Roldan längst über alle Berge; wahrscheinlich hatte ihn seine liebende Gattin höchstpersönlich über die portugiesische Grenze gebracht. Und seither herrscht helle Aufregung in Madrid. Die Opposition fordert gar den Rücktritt von Ministerpräsident Felipe González und argwöhnt, einige Staatsbeamte hätten Roldan bereitwillig bei seiner Flucht geholfen. Denn so mancher in der seit zwölf Jahren regierenden Sozialistischen Partei (PSOE) muß befürchten, daß Roldan im Falle seiner Verhaftung über die dunklen Geschäfte der Vergangenheit plaudert. "Entweder schieße ich mir eine Kugel in den Kopf, oder ich packe über andere aus", verkündete Roldan inzwischen aus seinem Versteck. Niemand bezweifelt, daß er einiges zu erzählen hätte – schließlich war Roldan von 1986 bis zu seiner unehrenhaften Entlassung Ende vergangenen Jahres der oberste Polizist des Landes, der Generaldirektor der stets wohlinformierten Guardia Civil.

Mit einem Bauernopfer konnte sich Felipe González zunächst retten: Der Innenminister reichte seinen Rücktritt ein. Das genügt erst einmal den katalanischen Nationalisten, um weiterhin die sozialistische Minderheitsregierung in Madrid zu dulden. Aber das reicht nicht, um den Vertrauensverlust des Regierungschefs zu stoppen.

Denn schon zu lange provozieren die Skandale der Sozialisten das von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit gebeutelte Volk. Luis Roldan hatte seine Nebengeschäfte nur besonders dreist betrieben: Landesweit hatte er unzählige Grundstücke zusammengekauft mit Geldern aus schwarzen Kassen; Freundinnen, Exgattinnen und Saufkumpane dienten ihm als Tarnadressen auf seinem Weg zum schnellen, illegalen Reichtum. Zudem kassierte er happige Kommissionen für die Vergabe von Aufträgen zum Bau von Polizeikasernen; Steuergelder, die eigentlich in den Kampf gegen Terrorismus fließen sollten, rannen in seine Taschen. Selbst aus dem Waisenfonds der Guardia Civil soll Roldan umgerechnet 750 000 Mark auf seine Auslandskonten überwiesen haben. Heute mutet es wie eine Verhöhnung der Opfer an, daß er früher nach jedem Bombenanschlag bei der Beerdigung in der vordersten Reihe der Trauergäste stand.