Was haben Sheila Henrys Beine mit ihren Gedichten zu tun? Sie entschädigen für das, was ihren Schreibübungen fehlt. Warum ist der leere Raum um die schmalen Verse ihres Ehemannes Lou Henry so eminent wichtig? Weil der seinen banalen, über Zeilensprünge dahinjapsenden Prosasätzen die Aura von Poesie verleiht. Wodurch sind Lou Henry und Dick Detective insgeheim verbunden? Beide stehen zu Sheila und der Poesie in Verhältnissen, die auf Täuschung und Betrug basieren. Und wo spielt die ganze, vielfach verzweigte Geschichte? In Nordamerika: "Wo man entweder die Kunst haßt oder versucht, sie zu benutzen. Das Gedicht als Werkzeug. Brich eine Tür auf damit, öffne bei jemand den Büstenhalter. Aber laß es nicht allein und nutzlos rumstehen."

Gilbert Sorrentinos Buch "Nehmen wir an, daß es wirklich stimmt" ist dreierlei: Erstens eine giftige Attacke auf den Kunst- und Literaturbetrieb, getragen von polemischem Schwung und gewappnet mit satirischen Spitzen. Zweitens ein experimenteller Roman voll spielerischer Freiheit und ohne den Starrkrampf der Methode. Und drittens eine zornige Klage über die Korrumpierung der Kunst durch die Mittelmäßigen und Eitlen unter ihren Jüngern.

In den Staaten ist Sorrentino, Jahrgang 1929, trotz seiner zwanzig Bücher und eines soliden Insider-Ruhms ein ziemlich unbekannter Autor. Und auch hierzulande wurde er nur von Kennern und Liebhabern entdeckt. 1986 stellte der Amerikanist Bernd Klähn in Norbert Wehrs "Schreibheft" Sorrentinos zweiten Roman "Steelwork" von 1970 vor. Daraufhin unternahm es der kleine Augsburger Maro-Verlag, diesen beachtlichen Autor zu übersetzen, und ist – nach "Steelwork" und "Die scheinbare Ablenkung des Sternenlichts" (Originalausgabe: 1980) – nun schon beim dritten Titel angelangt.

Sorrentino gilt als writer’s writer, als Schriftsteller für Literaten, was aber niemanden schrecken sollte. Denn seine Stoffe sind durchaus handfest und farbig, und seine erzählerischen Versuchsanordnungen bestechen durch Transparenz und Wandlungsfähigkeit. In erster Linie will er den naiven Glauben widerlegen, Literatur und Kunst seien eine Abbildung der Wirklichkeit. Darin entwickelt er zuweilen einen fast rührenden pädagogischen Eifer, der europäischen Lesern ein bißchen überflüssig erscheinen mag. Im amerikanischen Kontext allerdings ist diese Debatte noch von einiger Brisanz. Als Autor, der sich nicht auf Realität, sondern auf Sprache, Literatur und Poetologie bezieht, opponiert Sorrentino immer auch gegen die populäre Abbildungsästhetik. Doch wie er das macht, welche Effekte er dadurch erzielt – das ist für sich genommen auch schon wieder eine köstliche Komödie. Das gilt ganz besonders für diesen Roman von 1971, dessen Originaltitel anspielungsreich lautet: "Imaginative Qualities of Actual Things" – Die phantasievollen Eigenschaften der realen Dinge.

Ein auktorialer, sich selbst kommentierender Erzähler – Sorrentino versäumt es nicht, auf den geliebten "Tristram Shandy" zu verweisen – nimmt hier gründlich die prätentiösen Rituale der Kulturszene auseinander. Und dabei spiegeln sich die Selbsttäuschungen all der großspurigen Möchtegern-Genies, die in acht Kapiteln ihren Auftritt haben, in den ständigen Bekenntnissen des Erzählers, daß diese Figuren ja in Wirklichkeit gar nicht existierten. Da taucht als Geliebte eines Bildhauers auch Nabokovs Lolita auf und erscheint plötzlich als das wohlgeformte Nichts, das übrigbleibt, wenn man Humberts Obsessionen von ihr abzieht. Lyriker, Prosaisten, Maler, Kritiker, Kunstfreunde drehen sich im Reigen von Ambition, Hochmut, Sex und Spekulation. Das ist konsequent durchdacht, amüsant und äußerst bissig. Natürlich mußten die beschriebenen Phänomene nicht erfunden werden, und gerade deshalb hat Sorrentino sich das Vergnügen gemacht, mit dem fiktionalen Status des Romans ein hinterhältiges Versteckspiel zu treiben. Was nicht verhinderte, daß sein Buch trotzdem von manchen schlicht und einfach als Schlüsselroman gelesen wurde: "... viele Leute haben sich darin wiedererkannt -.einer meiner besten Freunde hat daraufhin nie wieder mit mir gesprochen."

Vor allem aber ist dieser Roman ein großer Feldzug gegen die Zerstörung der Kunst durch die Selbstverliebtheit ihrer Macher. Da werden Schnapsideen in Verse gestanzt, biographische Anekdoten wie Goldadern ausgebeutet und in billigen Modeschmuck verwandelt, da zieht sich ein jeder die große Geisteskappe über den Kopf, ohne zu merken, daß sie über die Ohren rutscht und den Blick einigermaßen trübt. Gute Dichter lassen sich noch nicht einmal mehr erfinden, bedeutet uns der Erzähler, ohne zu verheimlichen, daß er selbst eine dubiose erfundene Figur ist. Aber seine kritische Emphase ist ganz real, ebenso wie seine wunderbare Frechheit, sein angriffslustiger Geist und seine Virtuosität im Erfinden der Wirklichkeit. "Das ist ein Buch über die Zerstörung. Hier gibt’s kein Werkzeug, mit dem man die neue Gesellschaft aufbauen kann. Ich würde sagen, diesen Text sollte man langsam zu sich nehmen, mehr wie ein Antidot." Aber mit dem langsamen Lesen hat es hier seine Schwierigkeiten. Dafür ist das Buch zu gut. Eberhard Falcke

  • Gilbert Sorrentino:

Nehmen wir an, daß es wirklich stimmt Roman; aus dem Amerikanischen von Joachim Kalka; Maro-Verlag, Augsburg 1993; 329 S., 32,– DM