... Rolf Böhme: Je mehr wir haben, desto mehr haben wir zu wenig (Bemerkungen aus dem politischen Alltag, 2. Aufl.; Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 1994; 192 S., 19,80 DM). Was ist das für ein seltsames Paradox, das Rolf Böhme, der Freiburger Oberbürgermeister, beschreibt? "Je mehr wir haben, desto mehr haben wir zu wenig" heißt seine These. Hat er recht? Sind wir in der Bundesrepublik unzufriedene, reiche Miesepeter und Nörgler geworden? Rolf Böhme weiß: Viele Menschen, viel zu viele Menschen in unserem reichen Land leiden Mangel. Sie haben zu wenig: zu wenig Einkommen, zu wenig Arbeit, zu wenig Wohnraum, zu wenig Anerkennung und zu wenig Hoffnung auf eine Änderung zum Besseren.

Politik darf nicht ruhen, alles zu tun, was in ihren Möglichkeiten liegt, soziale Gerechtigkeit in unserem Land wieder und neu zu begründen. Wir können es uns nicht leisten, die falschen Allmachtsphantasien, die sich in der Politik breitgemacht haben, durch ebenso falsche Ohnmachtsgefühle zu ersetzen. Böhme geht es genau um diese realistische Einschätzung des politisch Möglichen.

Es geht ihm vor allem darum, auf eine unerwartete neue politische Unmöglichkeit hinzuweisen: Der Staat hat in einem historischen Prozeß seine Leistungen immer weiter ausgedehnt. Wir wollen und können auf gute Schulen und Hochschulen, auf eine hochentwickelte Verkehrsinfrastruktur, auf eine starke und liberale Polizei, auf Kindergärten, auf die vielen wichtigen Dienste, die der Staat uns leistet, nicht verzichten.

Mit ihrer Ausdehnung nimmt aber auch die Auseinandersetzung um die Verteilung dieser Leistungen zu, erst recht natürlich, wenn es nicht mehr um Zuwächse, sondern um Abstriche geht. An die Politik, aber auch an die Bürgerinnen und Bürger stellt das hohe Ansprüche. Wir tun uns in unserer erfolgsverwöhnten Bundesrepublikvschwer, mit dieser neuen Situation umzugehen. Ich wünschte mir, daß mehr Gelassenheit und zugleich mehr Engagement nicht als Widerspruch empfunden würden, sondern in praktischer Solidarität öfter zusammenkämen.