Von Eckhard Roelcke

Warum übt Peter Iljitsch Tschaikowsky solch eine Faszination aus? Im Fall der ewig gestrigen Musikhörer ist es klar: Da sind Werke zu hören voller Schmacht und Schmerz, aufgewühlt-leidenschaftlich und zärtlichempfindsam. Man entflieht, wenn man seine Musik hört, den Widersprüchen der Moderne und rettet sich – für Minuten oder Stunden nur – in die gefühlsduselige, widersprüchliche Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Doch was fasziniert zeitgenössische Komponisten an Tschaikowsky so sehr, daß sie über ihn sogar eine Oper schreiben? Seine Kompositionen gewiß nicht. Sie werden zwar noch oft aufgeführt, doch für den Fortgang der Musikgeschichte haben sie keine Rolle gespielt. Bleibt also sein durch und durch verkorkstes Künstlerleben.

Claude Vivier, der in Europa immer noch viel zu unbekannte kanadische Komponist, hat eine Oper über Tschaikowskys Tod geplant. Doch diesen Plan konnte er nicht mehr ausführen, Vivier wurde, 35jährig, in Paris ermordet. Hinterlassen hat er Kompositionen, die durchdrungen sind von seiner Sehnsucht nach (musikalischer) Schönheit – Werke, die bei uns nicht wahrgenommen wurden, weil sie in ihrer melodischen Sinnlichkeit und harmonischen "Reinheit" unvereinbar mit dem avantgardistischen Mainstream waren (ZEIT Nr. 50/93):

Der holländische Komponist Peter Schat war Avantgardist, in den sechziger Jahren sogar ein "militanter". Er störte Konzerte im Amsterdamer Concertgebouw, um gegen die allzu konventionellen Konzertprogramme zu protestieren. Wer weiß: Vielleicht wurde damals Tschaikowsky gegeben? Doch im Lauf der Jahre wandelte Schat seine Ästhetik. 1935 in Utrecht geboren und mit der Zwölftonmusik musikalisch aufgewachsen, verteidigte er in den achtziger Jahren die Melodie und die Konsonanz und forderte die Wiedergeburt einer "wohllautenden Musik" (Hans Niewenhuis). Und nun hat er eine Oper über den Tod von Tschaikowsky komponiert – ein Künstlerdrama, eine Schwulentragödie.

"Meine heiße Liebe zu diesem Jungen wächst von Tag zu Tag", schreibt Tschaikowsky im März 1887 an Nadjeschda von Meck. "Er ist so feinfühlig, begabt und sympathisch und hat einen so herrlichen Charakter!" Der Komponist schwärmt von seinem Neffen Wladimir. Daß diese Zuneigung mehr war als nur familiäre Liebe, bleibt seiner Umwelt nicht verborgen. Viele Details im Leben Tschaikowskys ergeben erst vor dem Hintergrund seiner Homosexualität einen Sinn: seine verkrampften Frauenbeziehungen; die geheimnisvolle, jahrelange (Brief-)Freundschaft mit seiner Gönnerin Nadjeschda von Meck, die so abrupt endet; sein selbstquälerisches Ringen, da er nur in seiner Musik ausdrücken kann, was er im Leben nicht leben darf. "Während meiner Reise nach Paris kam mir der Gedanke an eine neue Symphonie mit einem Programm, das aber für alle ein Rätsel bleiben soll", berichtet Tschaikowsky seinem Geliebten Wladimir, "dieses Programm gibt meine innersten Gefühle wieder. Unterwegs während der Arbeit, in Gedanken komponierend, habe ich oft heftig geweint."

Es ist kein Zufall, daß in Peter Schats jetzt in Amsterdam uraufgeführter Oper "Symposion" diese Symphonie, die "Pathetique", eine zentrale Rolle spielt – als Chiffre für Tschaikowskys Homosexualität. So konkret dieser musikalische Hinweis, so spekulativ die Handlung: Zar und Zarin streiten. Er verteidigt den Komponisten, weil der so tiefempfundene russische Musik schreibt, sie verurteilt ihn wegen seiner "widernatürlichen" Veranlagung. Die Zarin setzt sich durch, ein Tribunal wird eingesetzt. Tschaikowsky wird zum Tode verurteilt.