Die sozialen Katastrophen dieses Jahrhunderts haben eine alte soziologische Regel in den Rang eines Volksvorurteils erhoben: Der Mensch sei Produkt seiner Umstände; gut oder doch erträglich, soweit sie es erlauben, böse und zum Äußersten bereit, wenn "die Verhältnisse" mal nicht so sind. Ob interessierter Laie, Politiker oder Wissenschaftler - darauf könuns vor barbarischen Heimsuchungen schützen, sind sozialer Natur. Was wir brauchen, sind Institutionen, unter deren Leitung man gut sein darf, aber auch gut sein muß.

Das "Jahrhundert der Lager" (Zygmunt Bauman) bestätigt diese Einsicht und erschüttert sie zugleich. Denn nichts, weder Herkunft noch Geschlecht, weder Klasse, Stand noch Ethnie legen fest, wie der einzelne sich in der Stunde der Entscheidung verhält. Ein exemplarischer Fall von Humanität, Verläßlichkeit und Güte inmitten der Bedrängnis genügt, uns alle zu beschämen und klar zu sehen: Was wir brauchen, sind Menschen, die die Institutionen im Falle ihrer Störung und Pervertierung wirksam vertreten können.

Manchmal schlägt das Loblied dieser seltenen Kraft in neuen Mythos um. Die "Institutionalisten", die immerfort auf soziale Garantien des zivilen Zusammenlebens pochen, sehen sich heute einer wachsenden Zahl von "Intuitionisten" gegenüber, für die die letzte Sicherung ganz woanders liegt: in einem spontanen, durch nichts und niemanden zu irritierenden Sinn für das mitmenschlich Gebotene, der alle "Gründe" verlacht und keine weitere Erklärung an sich heranläßt. Fast scheint es, als hätten die Erfahrungen der letzten Generationen nur den Sinn, uns immer tiefer in die alte Kantische Antinomie von Notwendigkeit und Freiheit zu verstricken.

Die soeben vom Hamburger Institut für Sozialforschung ausgerichtete Tagung zu "Modernität und Barbarei" stärkte diese Vermutung. Wo die einen der institutionellen Sicht den Vorzug gaben, bestanden andere desto energischer auf der moralischen, auf dem "Rest", der immer bleibt. Wieder andere führten tonangebende Eliten oder lebendige Zivilgesellschaften ins Feld, um dem moralischen Reflex doch noch soziale Gestalt zu verleihen. Das Geheimnis eines wirklich unabhängigen persönlichen Gewissens entzifferten auch sie nicht. Daß es überhaupt auftauchte, die Gemüter derart in Anspruch nahm, ist symptomatisch auf eine Weise, die den akademischen Raum sprengt. Auch äußerhalb deJ Hörsäle ist e mit unserer kommoden Art, moralische Zuniütüngen durch soziale Ausflüchte abzuwehren, vorbei. Nach dem Untergang des Staatssozialismus überzeugen altvertraute Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen niemanden mehr. Die unerwartete Wiederkehr von Geschichte, Politik, Handlung, Charakter rückt auch die Vergangenheit ins Licht anderer als der verwirklichten Möglichkeiten. Wir alle sehen uns rückblickend mit Alternativen konfrontiert, die wir früher nicht sahen oder nicht sehen wollten. Mühsam, zuweilen schmerzlich fragen wir uns von "den Verhältnissen" und Zwängen zu uns selbst als ihren Autoren zurück. Gut möglich, daß wir dabei, wie zuvor schon bei unserer Bindung an festgefügte Ordnungen, übertreiben, ein Handeln aus freien Stücken suggerieren. Wenigstens sollten wir wissen, warum es uns in diese Richtung zieht.

Unglücklicherweise war dieser Fragehintergrund den in Hamburg versammelten Soziologen kaum der Rede wert (rühmliche Ausnahme: Ulrich Beck). Ebensowenig die jüngsten Gewaltschübe in Lübeck und erst recht in Gorazde, die der verpönten Beschwörung starker Institutionen erst wieder auf die Beine halfen. Daß sich weder "Intuitionisten" noch "Institutionalisten" den realen Voraussetzungen zuwandten, die ihren Streit begründen und "vernünftig" erscheinen lassen, stimmt bei einer Profession, die sich durch Selbstreflexion legitimiert, ein wenig kummervoll.