Synästhesie... Synästhesie – also die Verschmelzung von Sinneseindrücken, Wahrnehmungen. Führt manchmal zu wunderlichen Effekten: einen Geruch, den man zu hören, ein Geräusch, das man zu sehen glaubt (oft im Zusammenhang mit bewußtseinserweiternden Sächelchen).

Ganz ähnlich gewisse Überlagerungsphänomene. Das ungeheuer schwere, sandelholzsüße Parfüm der Dame vor mir in "Schindlers Liste" – was soll man da sagen? Bei störendem Hut, extrem selten geworden, kann um Entblößung gebeten werden; entfesselte Bonbontüten lassen sich zum Schweigen bringen, eventuell. Aber einen Duft, diesen sandelholzprallen, wundervollen Duft, der je grausiger sich das Geschehen auf der Leinwand gestaltet, desto mächtiger und betörender und unsittlicher sich entfaltet?

Oder die blöde postmoderne Angewohnheit, während des Lesens Radio zu hören oder Musik vom Plattenspieler. Victor Hugo und dazu Ouvertüren von Verdi; das geht ja noch, kommt eh aufs selbe raus. Aber Crebillon und Bach? Mahler und Tucholsky?

Obwohl selbst in solchen beziehungsweise ganz ähnlichen Situationen Seltsames geschieht, "Buchenswertes" (Th. Mann), bewußtseinserweiternde Momente: zum Beispiel das literarisch-cinematographisch interessante Phänomen, wenn sich bei der Lektüre großer Werke plötzlich Filmbilder einstellen, bestimmte Schauspieler sich mit einem Mal aus dem Text erheben und man ihre Blicke und Gesten zu sehen glaubt. Goethes Gespräche mit Eckermann: Unmöglich, schon von der ersten Begegnung an, sich dabei nicht Michel Piccoli und Woody Allen vorzustellen!

Oder Emile Zolas allerdüsterste Novelle "Therèse Raquin". Muß hier nicht vor einem jeden, der diese großartige Schauspielerin je sah, sofort Isabelle Adjani erscheinen? Qual und Schrecken, Wollust, Angst und graue Verzweiflung. Dieses Sich-verzehren, zuerst nach dem Leben, dann nach dem Tod. Unausweichlich, auf jeder Seite des ungeheuerlichen Werkes, hat man dieses Gesicht, diese Maske glühender Selbstzerstörung vor Augen.

Oha.

Dann aber auch bei Literatur minderer Güte, auch da gibt es interessante Zwangsvorstellungen, die neue Perspektiven eröffnen. Man lese Ernst Jüngers viel mißachtete "Tagebücher". Ernst Jünger! Der letzte noch lebende putzmuntere deutsche Theoretiker des Faschismus, mit dem nicht nur der Herr Bundeskanzler gern ein Täßchen Kaffee trinkt, der begnadete Insektenforscher, Hobby-Gärtner, Hobby-Dichter, an dessen Eischeinung der naturliteraturwissenschaftlich einmalige Vorgang zu beobachten ist, wie die Quantität eines Lebens zum Kriterium für die Qualität eines Werkes wird; Ernst Jünger also, die Leni Riefenstahl der deutschen Literatur – doch halt, eben nicht, eben nicht...