Von Andreas Petyko

Ein Buch von Fidel Castro und die nicaraguanische Zeitung mit Ché-Guevara-Bild auf der Titelseite im Handgepäck lassen die Geister der Vergangenheit am Flughafen in Miami auferstehen. Der Immigration Officer wittert Gefahr: Mit uraltem amerikanischen Reflex nimmt er den verdächtigen Ausländer ins Kreuzverhör. Ob er in Kuba war, was er eigentlich hier in den USA wolle und warum er nach Nicaragua reise, will der alarmierte Beamte wissen. Erklärungen und Presseausweis sind nicht ausreichend: Erst nach einer mit krankhafter Akribie durchgeführten Gepäck- und Personenkontrolle gibt sich der wackere US-Offizier zufrieden.

Der Kalte Krieg geht im Flugzeug weiter. Das Wort "Sandinisten" löst beim Sitznachbarn einen Wutanfall aus: "Seit diese Halunken ans Ruder gekommen sind, schäme ich mich, Nicaraguaner zu sein", schimpft der verschwitzte Mann und stopft seine riesigen Gepäckstücke in die Klappe über unserem Kopf, "ich heiße zwar Alejandro Guerrero (Krieger), bin aber wegen der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht vor elf Jahren in die USA geflüchtet." Nun sei er Mitte Dreißig und Autohändler und müsse immer mehr Geld und Pakete nach Hause schicken, damit seine Familie in Managua sich über Wasser halten könne. "In den siebziger Jahren blühte das Land noch; die Sandinisten haben die Nation gespalten und alles ruiniert." Ein vernichtendes Fazit von Alejandro, dem Krieger.

Die nicaraguanische Hauptstadt Managua scheint ein freundlicher Ort zu sein. Die Grenzkontrolle ist betont locker, der höfliche Soldat will lediglich den Paß sehen. "Bienvenido a Nicaragua", lächelt er und zeigt den Weg zu einem Billigtaxistand beim Ausgang. Der einzige Wagen, der dort steht, ist ein rostiger Lada ohne Taxizeichen. Das weiß glänzende Nummernschild verkündet stolz: "Nicaragua libre".

Der Fahrer nennt, nachdem er eine Weile wie ein Irrer gerast ist, einen überhöhten Preis. "Ich halte nirgends unterwegs und garantiere, daß Sie mit Ihrem Gepäck im Hotel ankommen", begründet er den Aufschlag. Die Schreckensmeldungen im Autoradio über Raubüberfälle mit schweren Waffen überall im Land lassen keine weitere Diskussion mehr aufkommen: "Die Zahl der Straftaten ist in den letzten zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen", alarmiert ein Polizeisprecher zwischen zwei Werbeslogans den Hörer im Taxi. Auf seine Klage, daß der monatliche Durchschnittslohn eines Polizisten lediglich 450 Cördobas (70 Dollar) betrüge, folgt die frohe Botschaft der Nachrichtensprecherin: "Regierung senkt drastisch die Steuer für Autos, Computer und Alkohol." Ihre gute Laune schwingt in der Stimme mit.

Passend zur Nachricht, folgt die Berieselungsmusik aus den USA, die Radio Managua ununterbrochen spielt. Der halbnackte Gigant, auf den sich jetzt die Blechlawine im Stadtzentrum zubewegt, will sie nicht hören. Er blickt starr und furchterregend, hält die Sandinistenfahne und eine Maschinenpistole hoch. Das martialische Revolutionsdenkmal erinnert an die großen Tage des Volksaufstandes vor mehr als vierzehn Jahren. "Nur die Arbeiter werden bis zum Ende gehen", verkünden die in den Sockel gemeißelten Worte des legendären Nationalhelden César Augusto Sandino. Im Schatten des metallenen Riesen liegen die Zentren der Staatsmacht; die der sandinistische Staatschef Daniel Ortega nach seiner Wahlniederlage im April 1990 elegant gekleideten Technokraten und Ultrarechten um Präsidentin "Doña Violeta" Chamorro übergab.

Gegenüber dem Regierungssitz hocken große Menschengruppen am Boden: Hungerstreiks gegen Massenentlassungen gehören seit Jahren zur Tagesordnung, Protestkundgebungen mit mehreren zehntausend Teilnehmern sind keine Seltenheit. Knallkörper kündigen auch heute die Ankunft von Demonstranten aus allen Teilen Nicaraguas an. "Kämpfen wir gegen den Yankee, den Feind der Menschheit", so tönt die Hymne der Sandinistischen Front der Nationalen Befreiung (FSLN). "Wir können ohne Wasser, Strom, Schulen und Ärzte nicht leben: Nein zur Privatisierung der öffentlichen Basisdienste", lautet das Motto der Kundgebungen.