ESSEN - Von außen sieht er aus wie ein normaler Reisebus. Das einzige, was einem ins Auge springt, sind die riesigen Außenspiegel, die vorn vom Dach herunterhängen wie überdimensionierte Fühler eines Insekts. Doch drinnen wartet der Bus mit allen Schikanen auf: Klimaanlage, Ledersitze, sieben Konferenztische, Telephon, Telefax, Kopiergerät, Videoanlage mit fünf Monitoren, zwei Radioanlagen, Kassettenrecorder, CD Player und eine komplette Bordküche. Auf Wunsch fährt eine "speziell geschulte" Hosteß mit, die den Fahrgästen, laut Prospekt, "dezente Klassik oder aktuelle Popsongs" in den Kopfhörer zaubert. Vieldeutig heißt es ferner: "Auf Sonderwünsche stellen wir uns gern ein " "Alpha Liner" heißt der Luxusbus, eine Extraanfertigung der Firma Kässbohrer - nicht etwa für ein privates Omnibusunternehmen, sondern für die Essener Verkehrs AG (EVAG). Mit Sekt und Pomp wurde die Anschaffung des über 700 000 Mark teuren Gefährts vor einem Jahr gefeiert. Schon damals wurde Kritik laut: Was will Essen, was will ein öffentliches Nahverkehrsunternehmen mit einem solchen Superbus? Es bestehe in der Wirtschaft eine große Nachfrage nach solchen Fahrzeugen, konterte die EVAG. Immer wieder sei "in der Vergangenheit die Forderung nach einem Bus an uns gestellt" worden, "der besonderen Anforderungen gerecht wird".

Die Forderung kam hauptsächlich von den Essener Stadtoberen. Gegenüber der Neuen Ruhr Teubner jetzt: "Oberstadtdirektor Busch hat uns immer so n bißchen zum Kauf animiert Die Stadtspitze sei es leid gewesen, bei "repräsentativen Gelegenheiten" ständig den Konferenzbus aus Duisburg ausleihen zu müssen. Teubner: "Irgendwann hieß es: Haben wir das denn nötig?" Busch ließ dies umgehend dementieren. Seit sich der "Alpha Liner" als Riesenpleite entpuppt hat, will niemand mehr für seine Anschaffung verantwortlich sein.

Wie sauer Bier hat die EVAG den Bus bei Industrie, Dienstleistern und Kommunen angeboten: "Mieten Sie ihn. Für Stunden, Tage, Wochen Einen zwölfseitigen Hochglanz Farbprospekt ließ sie eigens drucken, unzählige Unternehmen und Reisebüros wurden angeschrieben, Anzeigen in zahlreichen Magazinen aufgegeben. Doch kaum jemand mochte den Konferenzbus chartern. Denn die Preise haben es in sich: Für acht Stunden beträgt die Miete 1400 Mark, jede weitere Stunde kostet 100 Mark; hinzu kommen 1 50 Mark für jeden gefahrenen Kilometer. Um den jährlichen Wertverlust von 70 000 Mark sowie die Kosten für Fahrerlöhne, Treibstoff, Wartung, Werbung, Versicherungen und anderes zu erwirtschaften, müßte der Bus 180 Tage im Jahr vermietet werden - dieses Jahr war er erst fünfmal im Einsatz. Der Kommunalverband Ruhrgebiet hat ihn zweimal für rollende Pressekonferenzen ausgeliehen, Basketballstar Magic Johnson und sein Gefolge fuhren mit ihm nach Berlin. Die Stadt Essen, die den Luxus Liner für ihre repräsentativen Zwecke wie den "VIP Transfer zum Flughafen" unbedingt haben wollte, hat den Bus bislang noch nie benutzt.

Der anfängliche Hohn über das unnütze Mobil ist inzwischen handfestem Ärger gewichen. Ein weiteres Beispiel für "die hinlänglich bekannte Essener Großkotzigkeit" nannte die NRZ den Kauf. Und die WAZ rechnete vor, daß man für die 700 000 Mark fast fünf Jahre lang das Archäologische Museum in Altenessen hätte unterhalten können, das "unverständlicherweise geschlossen werden soll".

EVAG Prüfer haben jetzt vorgeschlagen, den Superbus Privatunternehmen anzudienen. Und noch ein Vorschlag kursiert: das Luxusgefährt in der Tiefgarage des Gildehofbades zu parken, jenes städtischen "Freizeitbades", das mangels Besuchern wieder geschlossen wurde und nun vor sich hingammelt. Dann stünden, kommentierte die WAZ hämisch, "zwei Pleiten zusammen".