Von Elke Schmitter

Den meisten Erwachsenen ist ebenso dunkel wie unangenehm bewußt, daß ihre Biographie eine der Verarmung ist: ein langsames, frustrierendes Gleiten von der Höhe widersprüchlicher, reicher Empfindungen des Kindes hinab ins Tal des ordentlichen Funktionierens, in dem sie mit allen anderen ihren parzellierten Beschäftigungen und Regungen nachgehen. Die Wahrheit wie die Verdrängung, die dieser Sichtweise eigen sind, spiegeln sich in der idealisierten Betrachtung literarischer Kindheitserinnerungen: Als sei hier noch einmal als bare Münze zu haben, was im Verkehr der Erwachsenen Falschgeld geworden ist.

Insofern ist die Ankündigung des Hanser Verlages, mit dem dritten Band der Werkausgabe des Walisers Dylan Thomas endlich "die frechen, überschäumenden Erinnerungen des weltberühmten Autors an seine Kindheit" zu liefern, kalkulatorisch verständlich, wenn auch doppelt hochgestapelt: Erstens handelt es sich keineswegs ausschließlich um Kindheitserinnerungen (sondern zum großen Teil um Erzählungen über Pubertät und Adoleszenz) – und zweitens hat der Autor ohnehin in seiner Prosa das Thema der ersten 25 Lebensjahre kaum je verlassen. Thomas starb mit 39 Jahren an unmäßigem Alkoholgenuß und Selbstverlust, fern seiner Ehefrau und seiner Heimat in New York, ein verwirrter junger Mann bis zuletzt und als Autor unaufhörlich kapitalisierend, was Erwachsene gemeinhin mit Kindheit verbinden: Reichtum der Sinne und Unschuld der Seele.

Diese Unschuld jedoch war von Anfang an nicht jene biedermeierliche, die man an Kindern schätzt. Sie war und blieb, wie sie der Übersetzer und Lyriker Michael Hamburger charakterisiert: "derb, sinnlich und puritanisch, polymorph-pervers, egozentrisch, von Düsterheit und Verhängnis beladen. Es war die Unschuld eines brillant begabten Jugendlichen mit einem ausgeprägten Hang zur Straffälligkeit, So oder so, diese Unschuld war alles, was er als Dichter besaß..."

Der Dichter als Kind also, als junger Hund, als junger Mann: Wen sehen wir? Wir sehen Dylan Thomas, wie er wohl immer war: verlogen und naiv zugleich, selbstbezogen und mitleidig, allen Räuschen verfallen und doch ein hochbewußter Handwerker der Sprache, mit allen Sinnen denkend und von ganz unnützer Intelligenz.

Gleich am Anfang konfrontiert uns der Ich-Erzähler mit der verwirrenden Kompetenz aller Kinder, die Wirklichkeit nach ihren Wünschen zu erzählen, in jenem würdigen Alter zwischen Windeln und langen Hosen, in dem das Freudsche Es noch Herr im Hause ist: "Vor einer Minute war ich klein und kalt gewesen und schlich, während ich mich zu Tode fürchtete, in meinem steifen besten Anzug eine Durchfahrt hinab, mit hohlem klopfenden Bauch, mein Herz wie eine Höllenmaschine, meine Gymnasiastenmütze an mich gepreßt, mir selbst fremd, ein stupsnäsiger Geschichtenerzähler, der sich in seinen eigenen Abenteuern verirrt hatte und sich nach Hause sehnte; in der nächsten war ich ein königlicher Neffe in eleganten städtischen Kleidern, der geherzt und begrüßt wurde, und stand im geborgenen Mittelpunkt meiner Geschichten und lauschte der Uhr, die mich ansagte." Die Lügen und Erfindungen jedoch, die Schutz und geschützte Einfalt geben (sollen), sind flankiert von jenem Glockenschlag des Über-Ich, das Treu und Redlichkeit anmahnt: "Es war beinahe so gut, ein Heuchler zu sein, wie ein Lügner; es wurde einem warm, und man schämte sich." Verlogen und naiv, von seinen Geschichten und seinem eigenen Atem gewärmt, der Wahrhaftigkeit, aber niemals der Wahrheit verpflichtet: Das war Dylan Thomas immerdar.