In der Hamburger Sozialbausiedlung Mümmelmannsberg ist der 51jährige Uwe J. nicht gerade beliebt. J., der tagsüber die Parkschranke am Hamburger Polizeipräsidium bedient, kämpft seit Jahren für "Anstand und Ordnung", wie er sagt. Zahllose Eingaben haben ihm schon einen "Dankesbrief" der Wohnungsverwaltung eingetragen, in dem sein "unermüdlicher Einsatz für die Einhaltung der Hausordnung" bestätigt wird.

Aber heute wird nicht eine seiner eigenen Anzeigen vor Gericht verfolgt, diesmal sitzt der stämmige Mann mit dem kräftigen Schnauzer und der markanten Dauerwelle selbst auf der Anklagebank. Ohne jeden Grund soll er nämlich im April 1993 dem sechzehnjährigen Nachbarsjungen Peter K. mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben.

Die Vorwürfe seien "ja eine Katastrophe", entrüstet sich Uwe J. Glaubt man ihm, dann hat sich Peter K. auf seinem BMX-Rad mitten auf dem Gehweg ein Rennen mit einem Moped – "ohne Kennzeichen!" – geliefert und ihn, J., dabei hinterrücks angefahren. Er habe geschimpft, aber nicht geschlagen; wenn doch etwas passiert sei, muß es ein reiner "Abwehrreflex" gewesen sein. Uwe J. hat den Jungen natürlich angezeigt. Das Verfahren ist allerdings eingestellt worden. Eine glatte Fehlentscheidung! meint der Angeklagte, schließlich sei er nach dem Aufprall drei Wochen lang krank geschrieben gewesen. Dieses Attest müsse man sich aber "auf der Zunge" zergehen lassen, bemerkt die Staatsanwältin spitz. Der Angeklagte, so heiße es da, "klage" über Schmerzen in der Schulter, ein "objektiver Befund" finde sich nicht. In Uwe J. sieht sie einen Simulanten.

Der Radfahrer Peter K. macht einen ruhigen, nachdenklichen Eindruck. Er berichtet sachlich, wie er damals ganz langsam gefahren sei, weil zwei Freunde ihn zu Fuß begleitet hätten. Da plötzlich sei der Angeklagte auf ihn zugesprungen, habe das Fahrrad beim Lenker gepackt und ihm mehrmals ins Gesicht geschlagen. Ein Zahn mußte hinterher gezogen werden, und er sei so geschockt gewesen, daß sein Arzt ihn sogar zum Psychiater schicken wollte. Da sei er allerdings lieber nicht hingegangen, denn sonst hätte er im Viertel "als bekloppt" gegolten. Trotz allem habe er Uwe J. nicht anzeigen wollen, sagt Peter K. Seine Familie komme aus Polen, man wolle in Deutschland "keinen Ärger". Erst als Uwe J. ihn angezeigt habe, sei er zur Polizei gegangen.

Nach dieser Aussage scheint eine Verurteilung so gut wie sicher – bis Peters Freunde ihren Auftritt haben. Die anderen Jungs sind zum Lügen einfach zu dumm. Sie sind sich alle einig: Der Angeklagte habe grundlos "zwei Fäuste gezockt", aber jede Nachfrage fördert neue Versionen und Ungereimtheiten hervor. Als schließlich noch ein an der Schlägerei völlig unbeteiligter Autohändler bestätigt, die Kids hätten an dem fraglichen Abend mit Fahrrädern und Mopeds wilde Rennen ausgetragen, muß das Verfahren eingestellt werden.

Die Staatsanwältin knurrt gallig, nach wie vor scheint sie von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Wäre sie ihren Zeugen in die U-Bahn gefolgt, wäre sie wohl schamrot geworden. Kaum aus dem Gerichtsgebäude heraus, verwandelt sich Peter K. vom schüchternen Gymnasiasten in den feixenden Anführer der Gruppe. Den Zeugen Autohändler erwarte noch ein "blaues Wunder", droht K. Stolz bestätigen sich die Burschen, daß sie Uwe J., die "Nazisau", schön reingelegt hätten

Den vermeintlichen Schläger wird die Sache weiter in Atem halten, gegen ihn läuft noch ein Disziplinarverfahren. Gernot Kramper