Von Cornelio Sommaruga

Seit dem tragischen Tod der Präsidenten Ruandas und Burundis leidet das ruandische Volk unter unfaßbaren Greueltaten. Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) haben erlebt, wie Hunderte von hilflosen Zivilisten abgeschlachtet wurden, darunter viele Frauen und Kinder. Sie haben verwundete und kranke Patienten gesehen, die in Schutzunterkünften, in Krankenhäusern und Notarztwagen umgebracht wurden. Am 1. Mai beispielsweise sind 24 Waisenkinder und dreizehn ruandische Rotkreuzmitarbeiter auf barbarische Weise ermordet worden.

Vergeblich haben die Angestellten des Roten Kreuzes versucht, das Töten zu stoppen. Es heißt, daß in den vergangenen Wochen über 200 000 Ruander den Massakern zum Opfer gefallen sind. Vermutlich sind mehr als zwei Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden. Mehrere hunderttausend sind aus dem Land geflohen. Im Landesinneren wurden Tausende in öffentlichen Gebäuden untergebracht, in Privatinstitutionen oder vorübergehenden Schutzunterkünften. Aber natürlich bieten diese Orte keine Garantie für langfristigen Schutz.

Die Feuergefechte zwischen der früheren ruandischen Regierung und der Tutsi-Rebellenorganisation Patriotische Front gehen trotz vereinbarter Waffenstillstände weiter. Die Versuche afrikanischer Staatschefs und der Vereinten Nationen, die Massaker zu stoppen und die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch zu bringen, waren bislang ergebnislos.

Die wenigen im Land verbliebenen Mitarbeiter der ruandischen UN-Mission waren nicht nur hilfreich bei der Beschaffung lebenswichtiger Hilfsgüter für die Ruander. Sie halfen dem Rotkreuzpersonal auch bei der Überquerung der Frontlinie in Kigali und bei der Evakuierung von Ausländern. Auch die Regierungen von Burundi, Tansania, Uganda und Zaire erwiesen sich meist als sehr kooperativ, indem sie Rotkreuzkonvois sowie Ärzte und Inspektoren über die Grenze nach Ruanda passieren ließen.

Das Ausmaß der ruandischen Tragödie ist weitaus größer als die Aufmerksamkeit, die ihr von den Regierungen und Medien außerhalb Afrikas entgegengebracht wird. Die Presse, insbesondere die des Westens, konzentriert sich auf Entwicklungen in anderen Teilen der Welt. Das IRK hat über diplomatische Kanäle auf diese eklatante Unzulänglichkeit hingewiesen.

Wir betonen, daß alle betroffenen Staaten in der Verantwortung stehen, schnell zu handeln, um die Massaker zu beenden. Die Situation in Ruanda bedeutet eine unmittelbare Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit der Region und sollte als solche auch von der internationalen Gemeinschaft wahrgenommen werden. Das ruandische Volk seinem Schicksal zu überlassen, hieße einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, der den Eindruck erweckt, daß die internationale Gemeinschaft Krieg, Mord und Intoleranz gegenüber Minderheiten kritiklos hinnimmt.